Sperrung des Netzes für vier bis acht Stunden als letztes Mittel
Das Risiko von Energieknappheit ist real und erheblich. Deshalb muss heute jeder seinen Beitrag leisten und kurzfristig weniger Strom verbrauchen. Das sagte Michael Frank, Geschäftsführer des Verbandes Schweizerischer Elektrounternehmungen (VSE).
20.07.2022
Die Bundesregierung will mit schrittweisen Plänen eine Energiekrise im Winter verhindern. Wenn die EU-Länder jedoch nicht spielen, könnte es angepasst werden. Denn nicht nur Frankreichs Atomkraftwerke sind Kinder mit echten Problemen.
Wenn Europa Öl und Gas ausgeht, hat auch die Schweiz ein Problem. „Die Schweiz verbraucht 60 Prozent von Öl oder Gas in ihrem Endenergieverbrauch“, sagte Umweltministerin Simonetta Sommaruga im Gespräch mit SRF. Die Schweiz sei total vom Ausland abhängig: “Und wir zahlen dafür einen hohen Preis.”
Die Strom- und Gasversorgung sei weiterhin sichergestellt, sagten Bundesexperten am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Allerdings bereiten sie sich auf eine Energiekrise vor, wie sie die Schweiz seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. „Wir erleben derzeit die weltweit erste Energiekrise, in deren Epizentrum Europa steht“, sagte Bundesamt für Energie Benoît Revaz.
Europa und die Schweiz müssen vereint sein
„Wenn es um die Gasversorgung geht, ist Europa eine Zielgemeinschaft“, sagte Michael Schmid, Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim Schweizerischen Gasindustrieverband, kürzlich gegenüber Blue News. “Wenn Deutschland ein Versorgungsproblem hat, dann hat ganz Westeuropa ein Problem, auch die Schweiz.”
Um dieses Problem einzudämmen, ist Simonetta Sommaruga derzeit in Europa unterwegs: Die Schweiz engagiert sich in Solidaritätsabkommen mit Deutschland, Italien und Frankreich, um im Notfall die Versorgung geschützter Kunden – Privathaushalte, Spitäler und Haushalte – mit Gas sicherzustellen. In der Schweiz werden rund 300’000 Wohnungen mit Gas beheizt.
Brüssel will Staaten zum Gassparen zwingen
Unterdessen bereitet sich die EU auf das Worst-Case-Szenario vor. „Es ist ein wahrscheinliches Szenario, dass es zu einer vollständigen Abschaltung des russischen Gases kommt“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Angesichts eines drohenden Gasnotstands will Brüssel sogar verbindliche Sparziele erlassen. Das geht aus einem Entwurf für einen Notfallplan der EU-Kommission hervor. Konkret soll dies dort der Fall sein, wo freiwillige Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um die Versorgung geschützter Kunden in allen EU-Ländern sicherzustellen.
Doch nicht nur beim Gas ist die Schweiz auf Europa angewiesen, auch die Stromversorgung würde ohne die Nachbarländer nicht funktionieren. Wärme- und Strommarkt sind eng miteinander verbunden. Ein Stromausfall mitten im Winter wäre eine der potenziell gefährlichsten Folgen, die sich indirekt aus Russlands Krieg gegen die Ukraine ergeben.
Allerdings ist Putins Gaserpressung nur eine der Ursachen für die mögliche Energieknappheit im nächsten Winter. Ein anderer ist der Klimawandel. Aufgrund der Dürre können die Schweizer Stauseen derzeit nicht genügend gefüllt werden, um genügend Energiereserven für den Winter bereitzustellen.
Außerdem gilt generell: „Im Winter haben wir mehr [Strom] Uns ist wichtig, dass wir nicht exportieren“, sagte Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik beim Bundesamt für Energie, im Gespräch mit Blue News. „Es gibt einen ständigen Austausch mit unseren Nachbarländern.“
Massive Probleme von Kernkraftwerken in Frankreich
Deshalb muss die Schweiz im Winter Strom zukaufen. Aber woher soll es kommen? Für die Winterstromversorgung, die die Schweiz sozusagen importiert, gibt es eine Reihe von Risiken: massive Probleme Frankreichs mit seinen Atomkraftwerken, mögliche Extremwetterlagen, die Versorgungssituation der Kraftwerke mit Gas und das Konsumverhalten.
Einer der wichtigsten Risikofaktoren ist unter allen das benachbarte Frankreich. Ein Großteil der aktuellen Kernkraftwerke wird nach der Entdeckung kleiner Risse im Notkühlsystem oder für Wartungsarbeiten abgeschaltet. Experten warnen: Wenn eine ausreichende Zahl dieser Kernkraftwerke nicht rechtzeitig wieder ans Netz gehen kann, könnte dies aufgrund der europäischen Integration eine Herausforderung für die Netze darstellen. Ein kalter Winter wäre besonders kritisch, weil in Frankreich viel Strom zum Heizen verbraucht wird.
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Stabile Netze sind entscheidend
Zweites Risiko: seltsames Wetter. Vor allem drohe eine „Dunkelhitze“, also mehrere Tage mit wenig Wind und gleichzeitig fast keiner Sonnenenergie. Wenn dies in mehreren Ländern gleichzeitig passiert, kann es besorgniserregend werden. Auch weil das Stromnetz immer mit einer bestimmten Frequenz laufen muss, wie Marianne Zünd erklärt. „Geht dieser hoch oder runter, kippt er irgendwann um und das Netz ist nicht mehr stabil. Die zulässige Frequenzbandbreite ist sehr eng und muss jede Sekunde eingehalten werden.“
Normalerweise greifen in diesen Situationen Gaskraftwerke bei unseren europäischen Nachbarn ein (die Schweiz hat sie nicht). Sie repräsentieren nur einen kleinen Teil der Fähigkeiten. Bei maximaler Belastung können sie jedoch entscheidend für die Gewährleistung der Netzstabilität sein. Da aber vorhandenes Gas im Winter zum Heizen reserviert ist, können beispielsweise Gaskraftwerke in Deutschland nicht mit Brennstoff versorgt werden.
Kleine elektrische Heizungen, hohes Risiko
Auch das schwer vorhersehbare Verbraucherverhalten ist ein Risiko: In Deutschland beispielsweise ist die Nachfrage nach Elektroheizungen – vom Lüftungsheizer bis zum Konvektorheizer – in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Wird er tatsächlich großflächig zum Heizen genutzt, könnte er die Stromnetze in die Knie zwingen.
“Dies ist ein Szenario, das um jeden Preis vermieden werden sollte.” Denn das würde die Möglichkeiten des Netzes überfordern, sowohl bei der Erzeugung als auch beim Transport, sagte Christoph Maurer von Consentec, Energieberater der Nachrichtenagentur dpa.
Für Simonetta Sommaruga hingegen ist klar, dass es wichtig ist, mit allen Ländern zusammenzuarbeiten, um sowohl die Energiekrise als auch die Klimakrise zu bewältigen: „Weil es einen Zusammenhang gibt.“ Der Ausbau heimischer Erneuerbarer Energien schaffe „Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und gleichzeitig im Dienste des Klimas“.
Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und Keystone-SDA.
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Nach dem Willen der Europäischen Kommission müssen die EU-Mitgliedstaaten ihren Gasverbrauch bis März nächsten Jahres um 15 Prozent senken. Gelingt das nicht, erwägt Brüssel Zwangsmaßnahmen.
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