Westlicher Balkan: Bulgarien könnte in Richtung Russland abdriften

Brüssel / Sofia. Der albanische Ministerpräsident Edi Rama drückte seine Wut aus. Nach dem gescheiterten Westbalkan-Gipfel am Donnerstag, bei dem erneut keine Beitrittsgespräche zwischen seinem Land und Nordmazedonien aufgenommen werden konnten, war Rama wütend auf Bulgarien: „Es ist schade, dass ein Nato-Staat zwei andere Nato-Staaten als Geisel nehmen muss“. Denn die Regierung von Sofia befindet sich im Dauerstreit mit Nordmazedonien. Da der Fortschritt Albaniens an den seines Nachbarn gebunden ist, werden auch die Bemühungen, dem Land beizutreten, ins Stocken geraten.

Die Aussichten auf Besserung sind nicht gut. Bulgariens Premierminister Kiril Petkov ist an einer Lösung des Problems interessiert. Doch die Regierung des Europapolitikers wurde am Mittwoch nicht mehr dem Parlament anvertraut. Zuvor hatte die populistische Partei „Es gibt so ein Volk“ die Koalition verlassen.

Der Premierminister wird beauftragt, eine neue Regierung zu bilden. Sein rechtsliberales Bündnis “Let’s keep change” hat allerdings nur 67 der 240 Führer. Die Zeichen stehen auf vorgezogene Neuwahlen im Herbst, nach drei Parlamentswahlen allein im vergangenen Jahr. Eine Lösung würde sich daher bis zur Bildung einer neuen Regierung weiter verzögern.

Die Geschichte macht die Gegenwart schwierig

Immer wenn die neue Exekutive den Streit mit Nordmazedonien beilegen will. Seit 2017 gibt es einen Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag, der auch eine Geschichtskommission beinhaltet. Doch noch immer dominieren unterschiedliche Visionen der Vergangenheit die Gegenwart. Daher besteht Bulgarien darauf, dass Nordmazedonien die bulgarischen Ursprünge seiner Geschichte vor 1944 anerkennt, ohne zu erklären, dass einige bulgarische Nationalhelden Mazedonier, aber gemeinsame historische Persönlichkeiten sind. Damit Bulgarien seinen Stillstand im EU-Beitrittsprozess beenden kann, muss Nordmazedonien einen Mechanismus zur Bekämpfung von Hassreden gegen Bulgaren einführen. Auch Nordmazedonien muss seine Verfassung ändern, um die Rechte der Bulgaren im Land zu schützen. Auch der Personenkreis ist umstritten: Laut der Volkszählung Nordmazedoniens sehen nur 3.500 Menschen bulgarisch aus. Allerdings haben 120.000 der zwei Millionen Bürger auch bulgarische Pässe. Nach der Lesart von Nordmazedonien, nur um die Vorteile der EU zu genießen, sieht das Bulgarien ganz anders.

Sieben von zehn Bürgern gegen Zusagen

Sieben von zehn Bulgaren seien gegen einen Verzicht auf das Veto gegen Mazedonien, sagte der Politikwissenschaftler Parvan Simeonov dem Online-Portal „Euractiv“. Im Wahlkampf ist daher für einen Kompromiss kaum Publicity zu erwarten.

Zudem betreibt Russland seit Monaten intensive Propaganda in Bulgarien. Er hat die Unterstützung der bulgarischen nationalistischen Partei Vazrazhdane (Renaissance), die zuerst die Stimmung gegen die Impfung gegen Covid geweckt hat. Vazrazhdane fordert auch den Austritt aus der NATO und Neuverhandlungen über die EU-Mitgliedschaft. Fast 40 Prozent der Bulgaren sind gegen oder für die NATO. Die Mitgliedschaft in der EU gerät zwar nicht so ins Wanken, ist laut Politikwissenschaftler Simeonow aber nur eine rationale Entscheidung. Es gibt eine emotionale Nähe zu Russland.

Die Neuwahlen stehen daher im Zeichen, ob Bulgarien den Kurs zugunsten der Demokratie von Amtsinhaber Petkov, der den Kampf gegen Korruption und Justizreformen vorantreibt, fortsetzen wird. Andernfalls könnte die EU von einem Gegner in ihrer eigenen Union bedroht werden. (da)

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