Wenn es um die Frage geht, wie Deutschland seine Abhängigkeit von russischem Gas reduzieren kann, fällt immer wieder ein Begriff: LNG, also verflüssigtes Erdgas. Anders als russisches Gas gelangt es nicht per Pipeline, sondern per Schiff nach Deutschland.
Terminals mit NRW-Rohren
Dafür braucht es aber spezielle Terminals, an denen Schiffe anlegen können, die es in Deutschland nicht gibt. Derzeit befinden sich mindestens zwei Terminals im Bau: eines im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel und eines im niedersächsischen Wilhelmshaven.
Und hier kommt NRW ins Spiel, denn die Rohre zur Anbindung des Terminals Wilhelmshaven kommen von Mannesmann in Hamm. Deshalb hat sich NRW-Energieministerin Mona Neubaur (Grüne) am Freitag ein Bild von der Produktion am Standort gemacht. Insgesamt werden hier 800 Tonnen Stahlrohre hergestellt und in den Norden geliefert.
Im Winter sollte das Gas fließen
„Mit in NRW gefertigten Stahlrohren leistet das Werk Mannesmann Line Pipe nicht nur einen wichtigen Beitrag zum schnellen Bau des LNG-Terminals in Wilhelmshaven, sondern auch zur deutschlandweiten Versorgungssicherheit mit Gas“, erklärte Mona Neubaur bei seinem Besuch.
Nach dem Genehmigungsbescheid zur Planung der Gasleitung können die bis zu 18 Meter langen und jeweils neun Tonnen schweren Rohre ab Ende August verlegt werden. Sie sollen von Wilhelmshaven bis in die Nähe des Gasspeichers Etzel südwestlich von Wilhelmshaven führen und damit den Terminal an das bestehende deutsche Gasfernleitungsnetz anschließen.
„Wir rechnen mit der Inbetriebnahme im Winter 2022/2023“, betonte Holger Kreetz von Uniper, dem Betreiber des LNG-Terminals. Er lobte ausdrücklich den “pragmatischen Beitrag des Landes Nordrhein-Westfalen”. Dadurch und durch eine gute Vorplanung hätte die übliche Bauzeit von fünf bis sechs Jahren auf zehn Monate verkürzt werden können.
Was genau ist LNG?
Die Abkürzung LNG steht für „Liquefied Natural Gas“. Das Gas wird auf minus 161 bis 164 Grad Celsius abgekühlt, wodurch sein Volumen um den Faktor 600 reduziert wird. Dadurch kann das Gas transportiert und in Tanks gespeichert werden.
Wo und wann sind LNG-Terminals in Deutschland geplant?
Bis Ende des Jahres gehen je ein schwimmendes LNG-Terminal in Wilhelmshaven und ein weiteres in Brunsbüttel ans Netz. Zwei weitere Terminals entstehen in Stade an der Elbe und Lubmin an der Ostsee. In Lubmin plant ein privates Konsortium bis Ende 2022 ein weiteres fünftes Flüssigerdgasterminal. An den Terminals wird Flüssiggas wieder in den gasförmigen Zustand überführt und anschließend in das Pipelinenetz eingespeist.
Wie weit sind die anderen europäischen Länder?
Sieben der 26 Flüssigerdgasterminals der EU befinden sich allein in Spanien und Portugal, das größte in Europa befindet sich in Barcelona. Weitere Terminals befinden sich in Rotterdam in den Niederlanden und Zeebrugge in Belgien, in Dünkirchen (Frankreich), in Swinemünde in Polen, in Großbritannien, Griechenland, Italien und Litauen.
Nach Angaben des Verbands Gas Infrastructure Europe (GIE) verfügten alle an diesen Standorten in Betrieb befindlichen Anlagen im April 2022 über eine Kapazität von 251,83 Mrd pro Jahr.
Reichen die geplanten Kapazitäten in Deutschland aus?
Ökonom Andreas Loechel hält das für möglich. Mit den geplanten Terminals in Deutschland “könnten wir wahrscheinlich weitgehend unabhängig von russischem Gas werden”, sagt Loeschel, der Umwelt- und Ressourcenökonomie an der Ruhr-Universität Bochum lehrt. Im Allgemeinen wird es etwas teurer sein als die russische Pipeline. „Aber es wird viel billiger sein als die Gaspreise, die wir heute in dieser Krisensituation sehen“, vermutet er.
Welche Kritik gibt es an den Terminals?
Umweltverbände kritisieren, dass die Sicherung der Energieversorgung nicht zu Lasten geschützter Lebensräume und Arten gehen dürfe. Der Bau des Terminals Wilhelmshaven beispielsweise erfolgte mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer „und damit in einem der wichtigsten und empfindlichsten Ökosysteme der Welt, das ohnehin schon stark belastet ist“, erklärt Michael Rode vom BUND.