1/12
Auch die Schweizer Glace-Sorte heisst künftig Winnetou.
Sarah Frattaroli
Unternehmen vollziehen den Spagat: zwischen ihren traditionellen Produkten und Marken und der neuen „erwachten“ Gesellschaft. Betroffen sind zum Beispiel: Friscos Winnetou-Eis, hergestellt in Goldach SG am Bodensee.
Nicht erst seit Spieleverlag Ravensburger das Kinderbuch „Der junge Häuptling Winnetou“ aus dem Regal geholt hat. Oder seit eine erneute Debatte über die kulturelle Aneignung der Rastafari-Frisuren weißer Musiker ausgebrochen ist. Bei der „Mohrenkopf“-Diskussion vor zwei Jahren rückte das Winnetou-Eis in den Fokus. Zu diesem Zeitpunkt wird über eine Namensänderung nachgedacht.
Heute ist nicht mehr viel übrig. Das Eis heißt immer noch Winnetou und bleibt mit 3 Millionen verkauften Stück pro Jahr ein Kassenschlager. “Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir den Namen behalten”, sagt Friscos Mutterkonzern Froneri auf Nachfrage von Blick. Wir bekommen mehr Feedback von Kunden, die den Namen behalten wollen, als von Kritikern.
Rassistischer Reis
«Winnetou-Eis ist eine tickende Zeitbombe», warnt HSG-Lehrerin und Markenexpertin Johanna Gollnhofer (34). „Heute wird von Marken erwartet, dass sie sich politisch und kulturell korrekt verhalten.“
Dies zeigte sich bereits in der Nachhaltigkeitsdebatte und während der Corona-Pandemie und zuletzt im Krieg in der Ukraine. Swatch, Starbucks, McDonald’s, Ikea: Unternehmen zogen sich reihenweise aus Russland zurück, um nicht in Verdacht zu geraten, weiterhin Geschäfte mit Wladimir Putin (69) zu machen.
Die neue Sensibilität der Gesellschaft traf besonders die Reismarke Uncle Ben’s: Aufgrund von Rassismusvorwürfen im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung entfernten sie nicht nur den alten Schwarzen aus ihren Reispackungen, sondern änderten auch den Namen in “Bens Original”. Früher nannten sich Schwarze in den USA „Onkel“ und „Tante“, was Onkel und Tante bedeutet. Über Jahrzehnte aufgebaute Markenbekanntheit: weg.
Die Minderheit gibt den Ton an
Black Lives Matter ist eine mächtige globale Bewegung. Die aktuelle Debatte in der Schweiz um Rastafari- oder Winnetou-Frisuren kann das nicht von sich behaupten. “Uncle Ben’s Black Man oder Winnetou-Eis sind den meisten Verbrauchern egal”, sagt Markenexperte Gollnhofer. Dennoch glaubt er, dass es für Unternehmen richtig ist, sich um die zu Unruhen neigende Minderheit zu kümmern. “Diese Gruppe hat ein größeres Potenzial, das Produkt zu radikalisieren und zu boykottieren.”
Beispiel Europa-Park in Rust (D): Nach Rassismuskritik wurde die beliebte „Dschungelfloßfahrt“ Anfang des Jahres geschlossen. Afrikaner wurden in traditioneller Kleidung gezeigt, Weiße in Safari-Outfits. Die Attraktion bediente koloniale Klischees, daher der Vorwurf. „Die große Mehrheit der Leute hat sich nicht um die Dschungelfloßfahrt gekümmert“, sagt Gollnhofer. „Aber sie werden weiter in den Europa-Park gehen, wenn es kein Rafting mehr gibt.“ Kritiker hingegen hätten den Park boykottiert, wenn er an der in die Jahre gekommenen Strecke festgehalten hätte.
Victoria’s Secret und Frauenkörper
Für Unternehmen ist es jedoch wichtig, den Wechsel zu einer politisch korrekteren Marke glaubwürdig zu vollziehen. Wenn das Dessous-Label Victoria’s Secret im Rahmen der “#MeToo”-Bewegung freche Frauen und einige Plus-Size-Models über den Laufsteg schickt, Frauen im Hintergrund aber weiter ausgebeutet und sexualisiert werden, verblasst der Effekt
Auch wenn die Debatte um kulturelle Aneignung in der Schweiz längst nicht die Tragweite von «#MeToo» oder «Black Lives Matter» hat: In der Glacefabrik Goldach am Bodensee werden wohl immer weniger Winnetou-Glacés die Montage verlassen. Linie in den kommenden Wochen. Nicht für die erwachte Gesellschaft. Sondern weil der Sommer zu Ende geht.
Mehr zur kulturellen Aneignung