Veröffentlicht am 5. August 2022, 21:07 Uhr
Wochenende vorbei?: Aufgrund der Energiekrise will die Wirtschaft die Sonntags- und Nachtarbeit ausweiten
Um eine Überlastung des Stromnetzes zu vermeiden, schlägt Economiesuisse vor, die Produktion in die Nacht zu verlegen. Die Mitarbeiter erhalten dann höhere Löhne. Doch die SP warnt vor der 24-Stunden-Gesellschaft.
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Der Dachverband Economiesuisse will die Arbeiten in die Nacht verlegen.
TAMEDIAAG
Das soll tagsüber das Netz entlasten, das dann stärker genutzt wird.
20min/Michael Scherrer
Ziel sei es, die Energieversorgung sicherzustellen und Betriebsschliessungen zu vermeiden, sagt Lukas Federer von Economiesuisse.
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Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hat Vorschläge zum Energiesparen gemacht.
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Damit das Netz nicht überlastet wird, sollten Unternehmen verstärkt auf Nachtarbeit setzen.
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Mitarbeiter können dazu jedoch nicht gezwungen werden.
Im Winter droht Europa eine Energiekrise, wenn es wegen des Krieges in der Ukraine zu weiteren Einschränkungen der Gasversorgung kommt. EU-Staaten wollen nun 15 Prozent weniger Gas verbrauchen. In der Schweiz ist beim Thema Energie allerdings noch vieles unklar, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.
Nun treibt der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse Vorschläge voran. Beispielsweise soll eine Lockerung des Arbeitsrechts mehr Nacht- und Sonntagsarbeit ermöglichen. Würden sich mehr Unternehmen gezielt für Nachtarbeit entscheiden, könnte der höhere Energieverbrauch am Tag reduziert werden. Dies würde die Chance erhöhen, dass das Netzwerk nicht überlastet wird. Die Nachfrage wäre ausgeglichener, so die Idee.
Auch während der Covid-Pandemie hätten Autofahrer zu anderen Zeiten fahren können, um die logistische Versorgung sicherzustellen, sagt Lukas Federer von Economiesuisse gegenüber 20 Minuten. „Unser Ziel ist, dass die Energieversorgung gesichert ist und es zu keinen Abschaltungen kommt“, sagt Federer.
“Jetzt braucht er die Hilfe aller”
Es ist nicht klar, ob Fahrer oder andere Mitarbeiter erneut betroffen sein würden, sowie die Dauer dieser Maßnahme. Doch Federer sagt: „Jetzt braucht er die Hilfe aller und wir müssen alle Optionen prüfen, um im Ernstfall die Versorgung sicherzustellen. Nicht zuletzt geht es auch um das Überleben von Unternehmen.“
Economiesuisse will eine Diskussion anstoßen. Federer sagt, er spüre in der Bevölkerung und der Wirtschaft einen starken Willen, einen möglichst leichten Beitrag zur Bewältigung der drohenden Energiekrise zu leisten. Die Maßnahme ist nur ein Hebel von vielen (siehe Kasten).
Unternehmen und Haushalte sollten sich solidarisch zeigen
Economiesuisse sieht flexible Arbeitszeiten als einen der vielen Hebel gegen die drohende Energiekrise. Noch wichtiger ist gemäss Lukas Federer von Economiesuisse den Unternehmen «Hilfe zur Selbsthilfe», damit sie sich im Ernstfall bestmöglich organisieren können. Dafür sollten die genauen Regeln im Falle einer Quote so bald wie möglich klargestellt werden. „Wenn die Spielregeln klar sind, kann die Privatwirtschaft Kontingente tauschen und gegebenenfalls selbst handeln, damit möglichst viele Unternehmen weiterarbeiten können“, sagt Federer. Im Notfall fordert der Verein auch einen Solidaritätsbeitrag zwischen Unternehmen und Privathaushalten.
Economiesuisse und das Bundesamt für wirtschaftliches Beschaffungswesen (BWL) haben keine Daten dazu, wie sich diese Massnahme auf die Details auswirken könnte, wie auf Anfrage mitgeteilt wird. Allerdings sei jede Anstrengung zum Energiesparen wichtig und willkommen, sagt ein Sprecher der Betriebswirtschaft.
Philipp Hadorn, Verkehrsgewerkschafter und ehemaliger SP-Nationalrat, hält wenig von dem Vorschlag. „Abende und Wochenenden sind entscheidend für die Erholungszeit. Das Risiko gesundheitlicher Schäden wäre zu groß. Wir dürfen keine 24-Stunden-Gesellschaft werden“, sagt Hadorn.
Auch an anderer Stelle sieht er größeres Potenzial für Energieeinsparungen. „Es gibt noch viele Dinge, die angegangen werden könnten, etwa den Ausbau und die Speicherung von Solarenergie. Und solange man Lampen kaufen kann, die nicht energieeffizient sind, muss das Arbeitsrecht sicherlich nicht geändert werden“, sagt Hadorn.
Mehr Lohn am Sonntag
Unternehmen können ihre Mitarbeiter jedoch nicht einfach zu Nacht- und Sonntagsarbeit zwingen. Dafür benötigt das Unternehmen eine Genehmigung. Sie muss zeigen, dass es ohne die Lösung nicht anders geht, wie Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Nicolas Facincani sagt. Ausgenommen sind die Branchen, die bereits aufgrund der aktuellen Rechtslage vom Sonntagsarbeitsverbot ausgenommen sind.
Außerdem benötigt das Unternehmen die Zustimmung der Mitarbeiter. Generell sei Zwang nicht erlaubt, so Facincani. Beschäftigte, die dem zugestimmt haben, profitieren von 25 Prozent mehr Lohn für Nachtarbeit und 50 Prozent mehr Lohn am Sonntag, wenn sie vorübergehend nachts oder sonntags arbeiten.
Andererseits wird auch der Wirtschaftsdachverband nicht blockiert. Lukas Federer von Economiesuisse sagt: «Natürlich wollen wir auch in einer Mangelsituation kein Rechtsvakuum.»
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