Wohnungsnot: Engadiner Wohngebiete werden zu Luxus-Ferienwohnungen

Einheimische werden aus ihrem Dorf vertrieben, weil sie sich keine eigene Wohnung mehr leisten können. Was aussieht wie eine Szene aus einem Schweizer Film, ist in vielen Berggemeinden traurige Realität.

Bezahlbare Mietwohnungen und altmodische Häuser werden zu teuren Zweitwohnsitzen für wohlhabende Touristen. Ein aktuelles Beispiel in Celerina GR zeigt, welche brutalen Folgen diese Entwicklung für die lokale Bevölkerung haben kann. In diesem Fall sind 22 Mieter der Urbanisation Chesa Faratscha betroffen.

Alle Mieter müssen ausziehen

Anfang Juni wurde ihnen mitgeteilt, dass das Objekt komplett saniert werden soll. Grund: Die neue Eigentümerin, die Neue Haus AG aus Rotkreuz ZG, will die Mietwohnungen zu Zweitwohnsitzen im Luxussegment machen, wie das „Regionaljournal Graubünden“ und die „Engadiner Post“ berichten.

Für die Mieter der Überbauung bedeutet dies, dass sie die Wohnung per Ende März 2023 verlassen müssen. Wer sich darauf einlässt, erhält die Unterstützung der Neue Haus AG. „Wir waren vier Tage vor Ort und haben mit allen Mietern gesprochen“, sagt Simon Vlachos (41), CEO der Neue Haus AG im Blick.

Allen Mietern sei eine „großzügige und vorteilhafte“ Paketlösung angeboten worden, erklärt Vlachos. Dazu gehören unter anderem eine Ausweitung der Wohnungsnutzung, professionelle Hilfe bei der Wohnungssuche, Wohnen auf Zeit und finanzielle Hilfen bei einem Umzug.

Kleiner Trost. Denn Konversion bedeutet für viele genau das, wovor sie lange Angst haben: Sie müssen das Dorf verlassen, in dem sie einen Teil ihres gesamten Lebens verbracht haben. Die Einheimischen werden brutal aus ihrem sozialen Umfeld gerissen.

unbezahlbar für Einheimische

Das Problem: In Celerina, einem Nachbardorf von St. Moritz kannst du dir keine Wohnung mehr leisten. „Wir werden hier nichts Vergleichbares mehr finden“, sagt ein betroffener Mieter gegenüber Blick. Aus Angst vor den negativen Folgen will sie anonym bleiben. Der Mieter lebt seit über 20 Jahren in der Urbanisation und hat hier seine Kinder großgezogen.

Der Schock sitzt tief und spaltet die Mieter. Zwischen denen, die bereit sind, den neuen Vermietervertrag zu unterschreiben, und denen, die bereit sind zu kämpfen. „Sie trauen sich nicht, mit den anderen Betroffenen zu sprechen“, sagt die Mieterin. Es ist ein sehr emotionales Thema für alle.

„In der Gemeinde gibt es nichts, was wir uns noch leisten könnten“, sagt ein anderer Mieter. Er lebt seit 32 Jahren in Celerina, ist hier zur Schule gegangen, hat eine Familie großgezogen und engagiert sich aktiv im Vereinsleben der Gemeinde. Hier wegzugehen, ist für ihn unvorstellbar.

Die ersten Häuser sind nicht rentabel

In der Chesa Faratscha zahlen die Bewohner derzeit Mieten deutlich unter den in der Region üblichen Marktpreisen. Nachbarn wissen das auch. Am Aufbau wurde seit Jahren nichts gemacht. Sie braucht eine Verjüngungskur. Die Balkone sind verrottet. Das Holz wird von Pilzen befallen. In der Vergangenheit verursachten Rohrbrüche Wasserschäden.

Man sei sich der strukturellen Probleme der Wohnungssituation im Engadin bewusst, sagt der CEO der Neue Haus AG. Allerdings sind der Kauf der Immobilie und auch die Gesamtsanierung mit sehr hohen Kosten verbunden. „Außerdem führen die gestiegenen Preise für Dienstleistungen und Materialien dazu, dass nach Abschluss des Umbaus keine wirtschaftlich sinnvolle Erstwohnung mehr vermietet werden kann“, sagt Vlachos.

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die Situation erreicht einen Höhepunkt

Auch die Gemeinde ist sich des Problems bewusst. „Die Situation hat sich in den letzten Monaten verschlechtert“, sagt Christian Brantschen (67), Bürgermeister von Celerina. Neue Lösungen sind gefragt. Aus diesem Grund hat der Vorstand vorerst einen Flächennutzungsplan für die gesamte Gemeinde erlassen. Die Bevölkerung wurde Anfang dieser Woche informiert.

Die Planungszone beinhaltet eine Art Bauverbot für Projekte, die darauf abzielen, Erstwohnungen in Zweitwohnungen umzuwandeln. Das Bauverbot gilt ab sofort und ist auf maximal zwei Jahre befristet. „Mit dem Planfeststellungsbeschluss gibt sich der Stadtrat etwas Zeit, um Lösungen zu finden“, sagt Brantschen.

Doch das hilft den 22 Mietern der Chesa Faratscha wenig. Denn noch ist nicht abschließend geklärt, ob auch das Luxus-Ferienwohnungsprojekt Neue Haus AG sistiert wird.

Lücke im Zweitwohnsitzrecht

In der Schweiz gibt es bereits ein Zweitwohnsitzgesetz. Es steht fest, dass in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von mehr als 20 Prozent keine neuen Ferienwohnungen gebaut werden dürfen. Die Zweitwohnungsinitiative wurde 2012 ergriffen. Allerdings gibt es Lücken. Zum Beispiel für sogenannte Altrechtswohnungen, die vor 2012 gebaut wurden. Wie die Chesa Faratscha. Dorothea Vollenweider

In der Schweiz gibt es bereits ein Zweitwohnsitzgesetz. Es steht fest, dass in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von mehr als 20 Prozent keine neuen Ferienwohnungen gebaut werden dürfen. Die Zweitwohnungsinitiative wurde 2012 ergriffen. Allerdings gibt es Lücken. Zum Beispiel für sogenannte Altrechtswohnungen, die vor 2012 gebaut wurden. Wie die Chesa Faratscha. Dorothea Vollenweider

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