Zurich Dance Academy: Den «Stab der Scham» bestrafen

An der Zürcher Tanzakademie scheint seit Jahren ein Klima der Angst zu herrschen. Das schreibt die Schweizer Journalistin Barbara Achermann in einem Artikel für „Zeit Online“. Von Belästigung, Erniedrigung und manchmal auch körperlicher Gewalt ist die Rede.

Barbara Achermann

Journalist

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Seit 2019 ist er Journalist und Redakteur der Zeit in Zürich. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet: 2021 mit dem Deutschen Reporterpreis, 2016 mit dem Real21-Auslandsreportpreis und 2007 mit dem Swiss Media Award. Sein Sachbuch „Frauenwunderland. Ruandas Erfolgsgeschichte.

SRF: Sie haben für die Wochenzeitung «Die Zeit» an der Zürcher Tanzakademie recherchiert und mit 13 jungen Menschen gesprochen, die zwischen 2007 und 2021 an dieser international renommierten klassischen Tanzausbildungsstätte ausgebildet wurden. Diesen jungen Frauen und Männern haben sie ihre Erfahrungen auch mit Zeitung geschildert Einträge: Es sind Terrorprotokolle. Was ist passiert?

Barbara Achermann: Die 13 Alumni sprechen über psychische Misshandlungen, systematische Demütigungen, körperliche Scham und manchmal auch körperliche Gewalt.

Ihre Schilderungen zeigen, dass nicht nur das Verhalten einzelner Lehrer ein Problem darstellt, sondern dass generell mit viel Druck und Angst gearbeitet wird, mit einem System der schwarzen Pädagogik.

Manche kämpfen bis heute damit, haben Angstzustände, Depressionen und sind auf Medikamente angewiesen.

Können Sie Beispiele für Machtmissbrauch nennen?

In einer Klasse gab es eine „Bar of Shame“. Jene Kinder, die aus Sicht der Ballettlehrerin nicht gut genug waren, um am regulären Unterricht teilzunehmen, mussten in dieser Ballettbar tanzen. Sie wurden systematisch gedemütigt.

Sätze wie „Tanzen wie Scheiße, die im Meer rutscht“, „Du siehst aus wie ein tanzender Burger“, „Du bist dumm“, „Du kannst nichts tun“ und „Du wirst nie etwas erreichen“.

Titel: Demütigung, Scham, Einschüchterung: Eine von der Zürcher Hochschule der Künste initiierte Untersuchung will die schweren Vorwürfe klären. Das Ergebnis wird bis Ende des Jahres erwartet. KEYSTONE / Alessandro Della Bella

Betroffene schildern, dass ihnen Erniedrigung und Machtmissbrauch eingeschrieben seien. Der Körper und seine Integrität werden im Tanz besonders exponiert. Der Körper ist das wichtigste Werkzeug. Es hängt alles von ihm ab: künstlerische Karriere, Prestige, Einkommen. Handelt es sich also um eine spezifische Schwachstelle?

Ja. Und zudem hinterlassen diese Demütigungen in der besonders gefährdeten Phase der Kindheit und Pubertät, gerade wenn sie alltäglich vorkommen, bleibende Schäden. Manche Menschen haben heute noch Probleme damit, haben Angstzustände, Depressionen und sind auf Medikamente angewiesen.

Mädchen müssen über Lebensmittel Buch führen und hungern, was ihrer Gesundheit abträglich ist.

“Wir mussten wie Kinder aussehen”, sagt eine junge Frau. Sie behaupten, dass die Tanzakademie einen Index der gesundheitsschädlichen Körpermasse vorschreibt. Junge Frauen berichten, dass ihre Periode ausgeblieben ist und sie viele Essstörungen entwickelt haben. Zustände, die man auch aus dem Spitzensport kennt und die vor einem Jahr mit den Magglinger Protokollen entdeckt wurden. Sehen Sie Parallelen?

Tatsächlich gibt es bei diesen Schönheitssportarten, zu denen auch Synchronschwimmen oder Eiskunstlauf gehören, jungen Frauen ganz klare Vorgaben, wie ihr Körper aussehen soll. An der Zurich Dance Academy wird explizit ein Body-Mass-Index von 16 bis 18 vorgeschrieben, den Experten als zu niedrig, sogar zu niedrig bezeichnen.

Wenn junge Frauen in der Pubertät auf natürliche Weise Fett zulegen, wird das zum Problem: Ihr Körper ist unerwünscht. Sie müssen Lebensmittelaufzeichnungen führen und hungern, was ihrer Gesundheit abträglich ist.

Bildunterschrift: In diesem ZHdK-Gebäude befindet sich die Tanzakademie. Die Universität war sich des Missbrauchs bewusst und sagte, sie habe Maßnahmen ergriffen. KEYSTONE / Christian Beutler

Rückblickend äußerten sich die befragten Frauen und jungen Männer zu ihrer Ausbildung. Einige von ihnen lebten damals im Internat der Tanzschule. Was wissen Sie über die Reaktionen der Eltern auf den beschriebenen Missbrauch?

Wir wissen, dass es immer wieder Eltern gegeben hat, die sich bei der Schulverwaltung über diese Missbräuche beschwert haben. Aber es hat sich nichts geändert.

In der Westschweiz wurden 2021 auch Fälle von Machtmissbrauch in bekannten Tanzszeneheimen gemeldet. Und dann sind da noch die vielen Enthüllungen von #MeToo in den letzten Jahren auf vielen Bühnen: Wie kommt es, dass nach all dem niemand an der Tanzakademie Zürich genauer hingeschaut hat?

Ehrlich gesagt kann ich es mir nicht erklären. Ich verstehe nicht, warum die zuständigen Behörden seit einiger Zeit nichts dagegen unternommen haben.

Das Gespräch führte Sabine Bitter.

Das sagt die ZHdK zu Missbrauchsvorwürfen

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ZHdK-Rektor Thomas Maier sagte am Donnerstag gegenüber dem Zürcher Regionalmagazin Schaffhausen, er habe von den Vorwürfen gehört. Wenn sie angewendet werden, sind sie für die Universität absolut inakzeptabel. Am 31. Mai hat die ZHdK entschieden, eine Verwaltungsuntersuchung einzuleiten.

Dabei sollte der Sachverhalt durch externe Sachverständige vertieft aufgeklärt werden. Die Recherchen werden voraussichtlich bis Ende 2022 abgeschlossen sein. Vorher können keine detaillierten Angaben zum Forschungsgegenstand gemacht werden.

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