Niederländischer „Bürgerkrieg“: Wie die extreme Rechte Bauernproteste untergräbt

Holländischer „Bürgerkrieg“ Wie die extreme Rechte Bauernproteste unterwandert

23.07.2022, 14:49

Von der niederländischen Regierung geplante Umweltvorschriften veranlassen die Landwirte, dagegen zu protestieren. Rechtsextreme heizen Veranstaltungen mit falschen Inhalten in den Medien an. Dadurch könnten die realen Forderungen der Landwirte entwertet werden.

Die ausgebrannte Lagerhalle einer Online-Supermarktkette im niederländischen Almelo ist eine passende Kulisse für die Reporter der US-Sendung „War Room“, die vom ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon den „Dritten Weltkrieg“ ankündigt. Nach dieser alternativen Wahrheit verläuft die vermeintliche Front direkt hinter der deutschen Grenze. In den sozialen Medien kursieren deshalb seit Kurzem Fotos von Panzern, mit denen sich Bauern und die Regierung in den Niederlanden gegenseitig attackiert haben sollen.

Sehr martialisch. Aber nichts davon ist wahr. Demonstrationen niederländischer Landwirte gegen geplante Stickstoffregulierungen werden online als Beginn eines Bürgerkriegs gesprengt. Rechtsradikale und die Kronenverleugner-Szene, die inzwischen weit weniger Menschen mobilisieren kann als früher, versuchen aufzuholen.

Für Rechtsextremisten symbolisierten die Bauernproteste den Widerstand des „Volkes“ gegen die „Elite“, sagt Pia Lamberty vom Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS), das Radikalisierungstendenzen und Verschwörungsgeschichten im Einklang untersucht “Diese Proteste sind eine ideale Projektionsfläche für die Feinde der Demokratie”, sagt der Co-Leiter der Denkfabrik.

Aufrufe zur Gewalt auf Telegram

Seit Wochen wird in den Niederlanden gegen die von der Regierung geplanten Umweltauflagen demonstriert. Bauern blockieren Straßen mit Traktoren, zünden Heuballen an und bedrohen Politiker und ihre Familien. Zunehmend mischen sich Extremisten unter sie. Die Polizei beobachtet, dass sich zu den wütenden Bauern auch Verschwörungstheoretiker, Anti-Corona-Aktivisten, Rechtsextreme und andere Gruppen gesellen, die pauschal und diffus gegen den Staat vorgehen.

Auf einschlägigen Social-Media-Foren wie „Bauern im Aufstand“ auf Telegram mehren sich die Aufrufe zur Gewalt. Von einem „Bürgerkrieg“ ist die Rede. Oder: “Lasst Den Haag brennen.” Auch in Deutschland wollen sich die vom Verfassungsschutz beaufsichtigten Organisationen dem Protestmarsch anschließen.

“Es könnte zu einem Flächenbrand werden”, jubelt die kleine Partei Freies Sachsen auf Telegram und freut sich schon jetzt, dass die Bauerndemonstrationen “mit den anhaltenden Protesten gegen die Regierung in Verbindung stehen”. Für Martin Sellner, Chef der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich, sind sie Teil eines “großen, antiglobalistischen, … patriotischen Widerstands”. „Was wir sehr oft sehen: dass die Proteste als Symbol eines Umbruchs, also eines Zusammenbruchs des Systems, beschrieben werden“, sagt Lamberty.

Falsche Inhalte werden verbreitet

Die ohnehin schon angespannte Situation im Internet heizt sich noch weiter auf, in der Hoffnung, dass das verhasste System endlich zusammenbrechen wird. Daher die erfundene Geschichte, dass die Regierung und die Bauern der Niederlande schwere militärische Ausrüstung verwendeten. Die entsprechenden Videos wurden im Internet verbreitet. Aber das ist eine Lüge.

Die gepanzerten Fahrzeuge wurden von der Polizei bei einer Übung eingesetzt, der vermeintliche Bauernpanzer war nur ein restauriertes Modell aus dem Zweiten Weltkrieg, das für eine Gedenkveranstaltung gedacht war und nichts mit Bauern zu tun hatte. Auch der Brand in der Lagerhalle des Almelo-Supermarkts hatte nach polizeilichen Ermittlungen nichts mit den Bauernprotesten zu tun.

„Gefälschte Inhalte werden immer wieder mit hohen Raten über mehrere Kanäle verbreitet“, sagt Lamberty. Bei Desinformation geht es beispielsweise darum, Chaos zu schaffen, um den sozialen Zusammenhalt zu untergraben. Die Proteste in den Niederlanden ziehen auch rechtsextreme Journalisten aus den USA, Kanada und Großbritannien an. Sie berichten für obskure Internetplattformen, YouTube-Kanäle oder den ultrakonservativen US-Sender Fox News.

Streitpunkte auch in Deutschland

Dort wurde zum Beispiel behauptet, dass den Bauern das Land weggenommen werden sollte, um die Migranten anzusiedeln. Das radikale Medium sieht hinter den Plänen der Regierung eine internationale Verschwörung. Für sie liegt das Weltwirtschaftsforum in Davos hinter ihnen. Nur das Weltwirtschaftsforum hat nichts mit Bauernprotesten zu tun.

Aber: 2019 hat das höchste Gericht in den Niederlanden festgestellt, dass Stickstoffnormen eingehalten werden müssen. Bis 2030 müssen die Emissionen landesweit in etwa halbiert werden. Und das kann das Ende von 30 Prozent der Viehbetriebe bedeuten. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes lässt sich die Situation nicht individuell auf die Bundesrepublik übertragen.

Aber auch hier solidarisieren sich einige Landwirte mit ihren Kollegen. Darüber hinaus gibt es auch in Deutschland Streitpunkte: etwa Düngemittelvorgaben, um zu vermeiden, dass EU-Bußgelder drohen, weil das Grundwasser vielerorts zu stark mit Nitraten belastet ist. Landwirte haben ganz konkrete Anliegen. „Rechtsextreme kümmern sich wenig um die wahren Sorgen und Nöte der Landwirte“, erklärt Lamberty.

Maximale Distanz auf dem rechten Flügel

Vielmehr ist es notwendig, die eigene politische Agenda voranzutreiben. Etablierte Bauernverbände in den Niederlanden sind nicht allzu glücklich über diese neuen Unterstützer. Der deutsche Verband wehrt sich auch gegen Vereinnahmung durch “Radikale, Querdenker und andere Spinner”. „Wir kommen weg von diesem Trittbrettfahren“, sagt der DBV.

Es besteht die Gefahr, dass die Forderungen der Landwirte dadurch diskreditiert werden. Dissens ist ein wichtiger Teil der demokratischen Meinungsäußerung, sagt Lamberty. “Schwierig wird es, wenn der eigene Protest zur Projektionsfläche für antidemokratische und menschenverachtende Haltungen wird.” Wohl auch deshalb hält der DBV den „Maximalabstand“ zum Recht für geboten.

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