AHV-Vorlagennachbau: Das Dümmste, was man tun kann

– Das Dümmste, was du tun kannst

Rudolf Strahm plädierte in seiner Kolumne für eine Mehrwertsteuererhöhung zugunsten der AHV. Das ärgert seine Parteikollegin Jacqueline Badran.

MeinungJacqueline Badran

Gepostet: 10.07.2022, 20:52

«Das ist ein politischer Schwindel erster Güte», wirft SP-Nationalrätin Jacqueline Badran dem Kolumnisten und Sozialdemokraten Rudolf Strahm vor.

Foto: Schlüsselstein

In seiner Kolumne zur AHV-Vorlage irrt Rudolf Strahm ausnahmsweise gewaltig. Und nicht nur er. Auch die Bourgeoisie und fast die gesamte Medienlandschaft sind verloren gegangen. Sie fallen immer auf die gleiche Geschichte herein: Wir werden alle erwachsen (das stimmt, aber die AHV hängt von der wachsenden Lohnsumme ab, fast nicht von der Alterspyramide), es gibt immer weniger aktive Menschen (deren Anteil an der Gesamtbevölkerung hat Seit den 50er-Jahren mäandriert (rund 48 Prozent), gilt es nun, die Renten zu versichern und nicht mehr auszubauen (die AHV-Kasse machte einen Gewinn von 2,6 Milliarden Franken). Er wird oft durch widerlegbareren Unsinn ergänzt.

Das ist eine politische Täuschung ersten Ranges. Und es lenkt vom wahren Kern des Arguments ab: der Finanzierung. Im eidgenössischen Bern tobt seit Jahrzehnten ein Verteilungskampf: Wohin geht die durch die Wirtschaftlichkeit begrenzte Höhe der Lohnprozente? Bei der Finanzierung der AHV oder bei den Pensionskassen?

Versicherungen lachen sich ins Fäustchen.

Das Ergebnis liegt auf dem Tisch: Die Mehrwertsteuer auf die AHV wird (wieder) erhöht (und gleichzeitig das Rentenalter für Frauen erhöht). In Pensionskassen hingegen werden höhere Gehaltsprozente gefüllt. Ergebnis: Wir zahlen viel mehr, aber wir haben keine höheren Renten, nicht einmal niedrigere.

Das ist falsch. Denn mit jedem Lohn, der in die AHV fliesst, verdienen 92 Prozent der Bevölkerung bares Geld. Erhalten sie mehr AHV, als sie jemals bezahlt haben, sind sie Nettobegünstigte. Andererseits finanzieren wir mit jedem Lohnfranken, der in die 2. Säule fließt, erst einmal gigantische Verwaltungskosten.

Wir finanzieren dann die Gewinne von Versicherungsunternehmen, die bis zu 10 Prozent der Bruttoeinnahmen als Gewinn einbehalten dürfen. Versicherungen wechseln von einer Rekordausschüttung zur nächsten, von der zwischen 75 und 85 Prozent ins Ausland fließen. Logischerweise will die private Versicherungswirtschaft möglichst viele Lohnprozente zurückstellen.

Wenn wir also wissen, dass jedes Lohnprozent, das in die AHV statt in die 2. Säule fliesst, deutlich effektiver (Rentenhöhe) und effizienter (deutlich tiefere Kosten, kein Leistungstransfer) ist, warum machen wir dann das Gegenteil? Genau diese Mehrwertsteuerfinanzierung verteidigt Rudolf Strahm. Während Versicherungsunternehmen, deren Kühnheit sich immer von der Steuerseite aus gewehrt hat, sich ins Fäustchen lachen.

Rentner haben bereits gezahlt.

Obendrein. Auch Rudolf Strahm schreibt, dass es für Rentner richtig wäre, die AHV über die Mehrwertsteuer mitzufinanzieren. Aber es gibt keinen guten Grund für sie, dies zu tun. Weil sie bereits bezahlt haben. Die aktive Generation bezahlt mit Steuern kostenlose Schulen für Jugendliche und AHV-Renten für Rentner. Das ist das große Problem. Wenn Menschen in Rente gehen, bezahlt die neue aktive Generation Jung und Alt. Das ist unser großes Solidarsystem, das seit seiner Gründung in der Nachkriegszeit enormen Wohlstand generiert hat: Kaufkraft für alle.

Nein, aus wirtschaftlicher Sicht ist die Finanzierung von AVS über die Mehrwertsteuer das Dümmste, was Sie tun können. Alles in allem spricht es sehr dafür, mehr Lohnanteile in die AHV statt in die berufliche Vorsorge zu verlagern. Die zentrale Aufgabe sozialer Dienstleistungen ist es, Kaufkraft zu schaffen, nicht sie zu reduzieren. Daher muss die AVS-Vorlage an den Absender zurückgesendet werden.

Gepostet: 10.07.2022, 20:52

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