– Viele Schmerzmittel sind vergriffen
Von Ritalin bis Krebsmedikament: Apothekerin Enea Martinelli warnt davor, dass in der Schweiz rund 470 Medikamente fehlen. Chinas Rolle auf dem Markt macht ihm Sorgen.
Gepostet: 24.05.2022, 18:50
Verschiedene Medikamente wie Herz-Kreislauf- oder Psychopharmaka sind in bestimmten Dosierungen nicht mehr in Apotheken erhältlich. Die üblichen Beläge sollten ersetzt werden.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)
“Wer hat Rita noch?” Eine Frage, die vor den harten Prüfungszeiten in Schule und Studium immer wieder gestellt wird. Denn auch Kinder und Studenten, die eigentlich nicht unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden und denen ein Arzt ein Ritalin verschrieben hat, missbrauchen es gerne als „Lehrdroge“ in der Hoffnung auf eine bessere Prüfung.
Der Pharmariese Novartis kann die Pillen derzeit nicht mehr wie gewohnt verkaufen. Grund dafür ist nach Angaben des Unternehmens eine kurzfristige Nachfragesteigerung, so dass einige Packungen mit niedrigen Dosiskonzentrationen von 10 oder 20 Milligramm nicht mehr vorrätig waren. Infolgedessen beschleunigten sich die Neulieferungen sofort. Daher wird das Medikament nach einer Unterbrechung von zwei bis vier Wochen voraussichtlich in den nächsten Tagen wieder in allen Dosierungen verfügbar sein.
Gefahr falscher Dosierung
Schlimmer ist es dagegen bei überlebensnotwendigen Medikamenten wie Prostatakrebstherapien mit Bicalutamid von Sandoz, wo der Patient nicht sofort ein anderes Medikament nehmen kann. Der Blutdrucksenker von Spirig und Axapharm, Losartan, ist in bestimmten Dosierungen nicht mehr in Apotheken erhältlich, daher sollten normale Pillen durch andere ersetzt werden.
Derzeit fehlen vier Medikamente zur Behandlung von Parkinson-Patienten, darunter Carbidopa / Levodopa de Sandoz. «Natürlich gibt es auch hier Alternativen wie Madopar von Roche», sagt Neurologe Stephan Bohlhalter vom Luzerner Kantonsspital. Aufgrund anderer Dosierungen, verzögerter Freisetzung von Wirkstoffen sowie Zusatzstoffen ist jedoch manchmal eine vorübergehende Betreuung der Klinik erforderlich. Patienten mit fortgeschrittener Parkinson-Krankheit, die sechs- oder siebenmal täglich Pillen schlucken müssen, sind dem Risiko einer Unter- oder Überdosierung mit einem neuen Medikament ausgesetzt.
Mangel an Herz-Kreislauf-Produkten
Die Liste der in der Schweiz nicht mehr erhältlichen Medikamente umfasst insgesamt rund 470 Medikamente. Am häufigsten sind Herz-Kreislauf-Medikamente mit 102 verschiedenen Produkten und Psychopharmaka mit 41 verschiedenen Präparaten. Außerdem fehlen einige Analgetika wie das bekannte Ibuprofen von Sandoz und Antibiotika wie ein spezielles Vancomycin-Pulver, ebenfalls von Sandoz. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Analyse von Chefapothekerin Enea Martinelli der Spitäler Frutigen, Meiringen, Interlaken (IMF), die den turbulenten Schweizer Pharmamarkt mit Argusaugen betrachtet und auf der Website Drugshortage übersichtlich festhält.
Obwohl die Situation vor der Corona-Pandemie noch viel schlimmer war, hat sie sich nicht wirklich erholt und die Lieferengpässe sind seit etwa drei Jahren auf einem sehr hohen und kritischen Niveau. Das große Problem: Anders als bei Lebensmitteln lässt sich bei Medikamenten die komplizierte Produktionskette nicht im Detail nachvollziehen. Woher kommen einzelne Rohstoffe? Gibt es wegen einer Blockade in China irgendwo Probleme mit der plötzlichen Lieferung? Stoppt dies die gesamte Produktion?
„Mit Milch ist es viel einfacher, sodass man die Kuh im Stall fast identifizieren kann“, sagt Martinelli. Aber wenn es um Drogen geht, wissen selbst Experten so gut wie nichts, sie sind immer wieder überrascht und müssen spontan nach kreativen Alternativen als möglichen Ersatz suchen. Bisher hat das hauptsächlich irgendwie funktioniert, aber es ist keine langfristige Lösung. So mussten einige Krankenhäuser zu Beginn der Pandemie Benzodiazepin-Midazolam selbst herstellen. Denn es war im Unternehmen zeitweise nicht mehr erhältlich, aber immerhin war der Wirkstoff noch verfügbar. Aufgrund seiner stark beruhigenden Wirkung wird das Medikament bei mit Covid-19 intubierten Patienten eingesetzt.
Pflichtlager Morphin
Doch damit nicht genug: Da es in der Schweiz seit rund einem Jahr zu massiven Engpässen bei der Versorgung mit oralen Opioiden wie Morphinpräparaten kommt, hat das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (EDAER) seit Mitte Jahr auf Anfrage mitgeteilt Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) veröffentlichte im März die Pflichtlagerbestände dieser Arzneimittelgruppe bei den jeweiligen Firmen. „Gründe dafür sind unter anderem Kapazitätsprobleme bei der Herstellung komplexer Produkte“, sagt Martinelli. Diese Präparate sind besonders wichtig für Patienten mit mäßigen bis starken und lang anhaltenden Schmerzen.
Bei der Herstellung von Arzneimitteln ist Europa stark von China abhängig, weil dort billig produziert wird. Daher sind Produktionsfehler oder Lieferkettenunterbrechungen besonders problematisch, wenn es beispielsweise um Antibiotika geht, die stärkste Waffe in der Medizin im Kampf gegen schwere Infektionen. Beispielsweise wird in der Region Wuhan ein Penicillin-Vorläufer hergestellt. „Eine lokale Blockade dort hat verheerende Folgen für die globale Gesundheit“, sagt Martinelli.
Auswirkungen auf den Krieg: Mit einem Lieferstopp wichtiger Medikamente würde der Feind sehr schnell enden, betont die Apothekerin Enea Martinelli.
Foto: Alessandro della Valle (Keystone)
Aber auch politische Konflikte mit China wären dramatisch, ergänzt der für Interlaken zuständige Apotheker. Stellen Sie sich China neben Russland im Ukrainekrieg vor. Im Prinzip braucht es keine Bombe, sondern lediglich eine Einstellung der Lieferung wichtiger Medikamente. Dann wird der Gegner sehr schnell.
Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, warum es auch in der Schweiz oder in ganz Europa zu vermehrten Engpässen bei Medikamenten und Problemen in der Patientenversorgung kommen kann. Die Ukraine ist zum Beispiel sehr wichtig für die Glasproduktion. „Kein anderes Glas lässt sich schnell für eine Flasche halten, um beispielsweise ein spezielles Krebsmedikament abzufüllen“, erklärt Martinelli.
Wütende Briten
Dass bestimmte Produkte hierzulande nicht mehr erhältlich sind, hängt auch maßgeblich von wirtschaftlichen Interessen ab. Beispielsweise könnten Kinderärzte bei einer Harnwegsinfektion Kindern keinen antibakteriellen Sirup Podomexef mehr geben, da Daiichi Sankyo in der Schweiz aufgrund einer zu kleinen Infektion keine Antibiotika mehr für Säuglinge und Kleinkinder herstellt. Absatzmarkt. „Aber direkt aus Deutschland kann man nur auf eigene Gefahr und Kosten importieren“, betont Martinelli. Das ist bedauerlich, da andere Antibiotika eine ähnliche Wirkung haben, aber weniger empfindlich sind.
Die komplexen Lieferketten des Weltmarktes sind seit jeher auf Gewinnmaximierung ausgelegt. Fällt eines der vielen Zahnräder dieses globalen Betriebssystems aus, bricht der ganze Prozess vorerst zusammen.
Ein weiteres Beispiel dafür sind die Folgen des Brexit und der Pandemie. „In Großbritannien nehmen Frauen in den Wechseljahren Barrikaden und werden wütend auf Apotheken“, sagt Martinelli. Einer der Gründe dafür ist, dass britische Pharmaunternehmen die steigende Nachfrage nach weiblichen Hormonersatzmitteln aufgrund verschiedener Produktionsprobleme nicht bewältigen können und daher vielerorts nicht mehr erhältlich sind.
Gepostet: 24.05.2022, 18:50
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