Drohnen-Nation Schweiz: Gefährliche Nähe zur Armee

Marguerite Meyer und Ariane Lüthi

Roland Siegwart, 63, leitet das Institut für Robotik und Intelligente Systeme der ETH Zürich und weiss, wie Forschungsergebnisse ins Geschäft kommen. An den Swiss Drone Days in Dübendorf ZH lädt der Professor, Co-Vorsitzender eines neuen Netzwerks, das die Robotik zu einem Pfeiler der Schweizer Wirtschaft machen will, an diesem Wochenende Wissenschaftler zum Gedankenaustausch mit Industrievertretern ein. Auch zum Thema Drohnen.

Wie kann verhindert werden, dass Länder wie Russland Schweizer Innovationen als Waffen einsetzen?» Leider gibt es keine Patentlösung“, sagt Siegwart. Drei Kriterien sind wichtig: die Auswahl von Mitarbeitern, Investoren und Kunden.

Nichtmilitärische Technologien

«Mir ist kein ETH-Angestellter bekannt, der an Aggressionsprojekten oder Waffensystemen arbeitet.» Bei den Investoren, so Siegwart weiter, sei darauf zu achten, dass sie nicht mit Waffen arbeiten: “Wir haben Finanziers ablehnen müssen.”

Auch Aufträge seien wegen fragwürdiger Kunden gestoppt worden: “Projektverträge müssen festlegen, dass eine Technologie nicht für militärische Zwecke genutzt werden darf.”

Technologien können beim Militär landen

Das Problem ist, dass Massenware zunehmend für militärische Zwecke eingesetzt wird. „Normalerweise kaufen Armeen High-End-Produkte, die der Staat kontrollieren kann. Es wird jedoch immer deutlicher, dass einfache Massenprodukte auch militärisch genutzt werden können. Viele Mobiltelefone enthalten die gleichen Chips, die jetzt in der Ukraine aufgetaucht sind. Man kann sich also nie sicher sein, dass die Technologie nicht beim Militär landet.“

Siegwart spricht lieber von den unbestrittenen Erfolgen der zivilen Schweizer Drohnen: Rund 80 Firmen, hunderte Arbeitsplätze, spektakuläre Erfindungen. Die erste Drohne mit vier Propellern flog in sein Labor. Dieses System wird heute häufig für Luftaufnahmen verwendet. Schweizer Drohnen inspizieren Gletscher, vermessen Gelände und helfen Minen zu räumen. In Lugano IT und Zürich setzt die Post Drohnen ein, um Blutproben schneller vom Spital ins Labor zu bringen. Ein Schweizer Start-up entwickelt Rettungsdrohnen für Lawinenunfälle, ein anderes ist Weltmarktführer für Drohnensoftware geworden.

Zusammenarbeit zwischen Universitäten und dem US-Militär

Aber es ist auch wahr: Drohnentechnologie kann im schlimmsten Fall tödlich sein. Dass ein Thalwiler Unternehmen wie U-Blox Komponenten herstellt, die das Militär im Ausland verwendet, ist eine Möglichkeit, dies zu tun. Ein anderer sind die Investitionen ausländischer Armeen in der Schweiz. Hier haben die USA die Nase vorn. Das US-Militär finanziert Forschungsprogramme an lokalen Universitäten. Es handelt sich um eine Grundlagenforschung, die das Seco nicht kontrolliert und deren Ergebnisse veröffentlicht werden. Wenn eine militärische Nutzung vorgesehen ist, müssen die USA eine Lizenz erwerben oder Rüstungsunternehmen die Technologie replizieren lassen.

Der sichtbarste Teil der Zusammenarbeit zwischen Universitäten und dem US-Militär sind die spektakulären Drohnenrennen. Letztes Jahr gewann die ETH Zürich mit der Darpa Subterranean Challenge in Kentucky einen solchen Wettbewerb und gewann Preise in Höhe von 2 Millionen Dollar. Darpa ist die United States Agency for Advanced Defense Research Projects. Ihre Aufgabe ist es, innovative Technologien für die nationale Sicherheit zu entwickeln.

Der Nationalfonds unterstützt das Programm

An Bord des Siegerteams waren Roland Siegwart und weitere Forscher der ETH, US-Universitäten und der Sierra Nevada Corporation, dem Anbieter von Drohnentechnologie der Air Force, der auch in Kriegen wie Afghanistan eingesetzt wurde. Die Teammitglieder arbeiten seit langem eng zusammen und haben gemeinsame Softwaregrundlagen für ihre Systeme entwickelt, wie im ETH-Projekt beschrieben.

Auch das Schweizer Unternehmen Flyability nahm mit Unterstützung von Dario Floreano, Professor an der EPFL und Direktor des National Center for Competence in Robotics Research, teil. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt das Programm seit 2010 mit knapp 40 Millionen Franken. Volatilitätsdrohnen erkunden vor allem Industrieanlagen. Aber auch das zweite von Floreano ins Leben gerufene Unternehmen hat eindeutig militärische Ambitionen: Sensefly stellt professionelle Überwachungsdrohnen her und wurde kürzlich von der amerikanischen Firma Ag-Eagle aufgekauft. Man könne jetzt die beste Technologie anbieten und sich offensiv als Partner des US-Militärs auf dem Waffenmarkt positionieren, sagte der neue Chef.

„Drohnen für den guten Zweck“?

Werden Floreanos Erfindungen also militärisch genutzt? Wo liegt die Grenze zwischen Spitzenforschung und einem öffentlichen Beitrag zur Rüstung der neutralen Schweiz?

Auf Nachfrage weist der Professor darauf hin, dass er seit 2016 nicht mehr Teil von Sensefly ist. Damals wurden dort nur Drohnen für die Landwirtschaft und zivile Inspektionen produziert. „Alle meine Projekte konzentrieren sich auf Drohnen für gute Zwecke“, schreibt er. „Die Ergebnisse des Forschungsansatzes werden vom Nationalfonds mit Hilfe internationaler Expertinnen und Experten jedes Jahr streng verifiziert.“

Leitlinien für aufgeworfene ethische Fragen

Die ETH Zürich und die EPFL haben für ihre Forschenden Richtlinien zu Dual-Use-Assets und ethischen Überlegungen formuliert. Die beiden Universitäten studieren internationale Kooperationen. Ein Großteil der Verantwortung liegt jedoch bei den Forschern, und Entscheidungen werden von Fall zu Fall getroffen. Daher ist noch nicht klar, ob Grundlagenforschung auch mit russischen oder chinesischen Militärinstituten betrieben wird.

Dass Wissenschaft für Kriege missbraucht werden kann, ist nicht die Schuld der Forscher. Und oft haben selbst Unternehmen nicht immer die Kontrolle darüber, wo ihre Produkte eingesetzt werden.

Aber im Moment befindet sich die Ukraine, wie andere Teile der Welt, im Krieg. Und die offizielle Schweiz muss sich fragen: Haben wir unsere eigene Neutralität im Griff?

Wie verhindern wir, dass unsere Innovationen uns das Leben kosten?

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