Expertenstiche: Der „Täuschungspaket“-Plan der Wiener Linien

Die 4-Tage-Woche ist für viele junge Menschen das Arbeitsmodell der Zukunft. Allerdings präsentieren die Wiener Linien das Modell etwas anders.

Für den Herbst planen die Wiener Linien einen neuen Schritt in die Arbeitswelt. Das Unternehmen will die Vier-Tage-Woche für viele seiner Mitarbeiter ausprobieren. Doch Experte Jörg Flecker hält den Plan des Transportunternehmens für eine Farce.

Viele Pensionierungen in diesem Jahr

Da in diesem Jahr rund 600 Mitarbeiter der Wiener Linien in den Ruhestand gehen, muss das Unternehmen umplanen. Neben den Vorteilen der Digitalisierung werde dringend neues Personal benötigt, so der Konzern.

Mit der Vier-Tage-Woche soll sie besonders attraktiv für junge Menschen sein, die in die Berufswelt einsteigen. „Wir arbeiten 24×7, das werden wir jetzt versuchen“, sagt Wiener-Linien-Geschäftsführerin Alexandra Reinagl.

Im Verwaltungsbereich dürfte der Wechsel einfacher sein, aber für U-Bahn-, Tram- und Busfahrer sowie Mechaniker müsste man mehr Hirnschmalz aufbringen, um eine Lösung zu finden, sagt Reinagl. Eine Möglichkeit wäre, dass die vier Arbeitstage zunehmend aus Nachtschichten bestehen.

Der Experte kritisiert

Jörg Flecker von der Wirtschaftsuniversität Wien sieht den Plan in zweierlei Hinsicht. Er spricht von einer „Täuschungspackung“ des Unternehmens. Denn die Wiener Linien würden die Regelarbeitszeit von 37,5 Stunden pro Woche nicht kürzen. Daher ist die Arbeitszeit pro Tag einfach mehr.

„Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass Stress und Unfallrisiko ab der siebten Arbeitsstunde massiv ansteigen“, sagt Flecker. Erholungszeiten und Pausen lassen sich nach Ansicht des Experten auch nicht einfach verschieben. Auch die Auslegung der Vier-Tage-Woche widerspräche den Empfehlungen des AMS.

Experte: Arbeitszeiten an die Lebensrealität anpassen

Deshalb appelliert der Arbeitsmarktservice seit langem an Unternehmen, auch ältere Menschen und Menschen mit gesundheitlichen Problemen einzustellen. Lange Arbeitszeiten am Tag sind für diese spezielle Zielgruppe ohnehin keine Option.

Laut Flecker gilt es, den Fokus darauf zu legen, die Arbeitswoche zu verkürzen und gleichzeitig den bestehenden Arbeitstag an die Lebensrealität der Mitarbeiter anzupassen. So könnten Alleinerziehende über mehrere Tage kürzer arbeiten, während junge Menschen auf einmal längere Arbeitszeiten ausweichen könnten. In diesem Sinne glaubt Flecker, dass ein kürzerer Arbeitstag auch die Produktivität der Arbeiter erhöhen würde.

Nav-Account TK Zeit28.07.2022, 20:08| Veranstaltung: 28.07.2022, 20:26

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