„Falsche Impfstrategie“: Kassenärzte-Chef Gassen kritisiert Lauterbach

Er selbst werde sich zum vierten Mal nicht gegen Corona impfen lassen, sagt der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ kritisierte er zudem die von Medien berichteten Pläne des Gesundheitsministers, einen neuen Impfstoff in Höhe von 200 Millionen Dosen zu bestellen, und forderte schließlich die Aufhebung aller Isolationsauflagen und Quarantäne

„Wir müssen wieder zur Normalität zurückkehren. Wer krank ist, bleibt zu Hause. Wer sich gesund fühlt, geht zur Arbeit“, forderte Gassen. “So behandeln wir andere Infektionskrankheiten wie die Grippe.” Die Aufhebung der Isolationspflicht ist in vielen Branchen die einfachste Lösung für Personalengpässe.

Haben Sie zu viel Impfstoff bestellt?

Auch die Bundesregierung habe Impfstoffe für Herbst und Winter falsch geplant – die Bestellung sei zu hoch, sagte Gassen in Bezug auf das vermeintliche Ziel der Bundesregierung von bis zu 60 Millionen Impfstoffen im Herbst und Winter Großzügig kalkuliert kam die KBV auf einen Bedarf von 30 Millionen Impfstoffen. Dazu gehören eine zweite Auffrischung für alle über 60, eine erste Auffrischung für Jüngere und eine „großzügige“ Quote für Ungeimpfte. Bei 200 Millionen bestellten Impfstoffdosen ist damit zu rechnen, dass Impfstoffe im Wert von 100 Millionen Euro weggeworfen werden müssten.

Gassen kritisiert auch Lauterbachs Empfehlung, dass sich auch Menschen unter 60 ein viertes Mal impfen lassen sollten. Es bezieht sich auf eine israelische Studie vom April. Sie zeigt, dass eine vierte Impfung bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen nur einen geringen zusätzlichen Schutz bietet. Es wäre auch für gesunde ältere Menschen sinnvoll, insbesondere wenn sie gerade von einer omicron-Infektion genesen sind.

Immunologen würden auch vor zu vielen oder zu frühen Impfstoffen warnen, sagt Gassen. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, macht sich keine Sorgen. Würde der dreimonatige Abstand zwischen Impfungen bzw. Ansteckung und Impfung eingehalten, wäre das aus seiner Sicht kein Problem. Auch Stiko empfiehlt diesen Abstand.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Leiter der Kassenärzte Gassen die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert. Aus der Ärzteschaft erntet er oft Kritik, etwa wenn er zu einem „Tag der Freiheit“ im September 2021 aufrief oder Aussagen zu einer angeblichen „Impfpflicht“ machte.

Lauterbach verteidigt sich via Twitter

Lauterbach reagierte am Samstag via Twitter auf Gassens Kritik. Der Bundesgesundheitsminister erklärte, dass er die vermeintliche Zielvorgabe von 60 Millionen Impfstoffen nie ausgegeben habe. „Es hilft auch nichts, wenn ein großer Mediziner betont, dass er sich im Herbst nicht impfen lässt. Das schafft kein Vertrauen“, fügte Lauterbach hinzu. Auch eine Lockerung der Isolationspflicht lehnte er ab: „Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen weiter, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko.“

Was sagt das Gesundheitsministerium?

„Die Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass es im Herbst ausreichende Dosen des COVID-19-Impfstoffs geben wird.“ Auf Nachfrage des WDR gab das Gesundheitsministerium keine Antwort, wie viel Impfstoff genau kommen soll. Dies hängt auch vom Infektionsverlauf ab. Es ist jedoch sinnvoll, eine vierte Impfung für alle zu empfehlen.

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