Finanzminister Lindner Hart im Wind

analysieren

Ab: 26.07.2022 20:07

Erst Gespräche über seine Hochzeit auf Sylt, dann „Porsche Gate“: Für Finanzminister Lindner läuft es schlecht. Sie kann auf Erfolge bei der Haushaltskonsolidierung verweisen.

Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio

Juli 2022: politisch wie privat ein ganz besonderer Monat für Christian Lindner. Für den Haushaltsentwurf 2023 erhielt er zunächst den Segen des Bundeskabinetts. Es ist der erste Haushalt, der vollständig in seiner Amtszeit erstellt wurde. Vor allem ist sie die erste, die nach drei Jahren mit Ausnahmen im Rahmen der Schuldenbremse des Grundgesetzes bleibt. Ein wichtiger Meilenstein für Lindner.

BR Logo Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio

Wenige Tage später feiert der FDP-Vorsitzende seine Hochzeit: Auf Sylt sagt er in zweiter Ehe seiner Lebensgefährtin, der Fernsehjournalistin Franca Lehfeldt, das Ja-Wort. Glamour-Bilder der glücklichen Eheleute und ihrer prominenten Gäste – Bundeskanzler Olaf Scholz ist ebenso dabei wie CDU-Präsident Friedrich Merz – machen die Runde.

Starke Kritik

Doch das große Fest wird auch heftig kritisiert. Das passt nicht in eine Zeit, in der viele Bürger wegen der hohen Inflation den Gürtel enger schnallen müssen, so Twitter. Der „Stern“ macht die Feier des FDP-Politikers sogar auf die Titelseite: mit der These, Lindners „Luxushochzeit“ nähre das Image des abgehobenen Politikers.

Ein Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ am Tag der Hochzeit heizt die Debatte an: Lindner plane Kürzungen für Langzeitarbeitslose, sagt er. Wer sich mit dem Thema befasst, wird schnell erkennen, dass es sich um Entscheidungen handelt, die in der Verantwortung von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) liegen.

Doch die Kritik bleibt bei Lindner hängen. Ein Twitter-Nutzer schreibt: „Finden nicht alle ihre Hochzeit, sondern verkünden noch am selben Tag, dass sie Pflege, Langzeitarbeitslose und Behinderte einsparen wollen, während sie Zehntausende Euro für Personal berappen.“ Sicherheit: bei zumindest instinktiv.”

Dann die Diskussion um die kirchliche Trauung: Altbischöfin Margot Käßmann fragt die „Bild am Sonntag“, warum „zwei Menschen eine kirchliche Trauung wollen, die bewusst aus der Kirche ausgetreten sind, die öffentlich erklärt haben, dass sie sich nicht als verständnisvolle Christen verstehen? ” Käßmann spricht von einem „Promi-Bonus-Geschmack“ und warnt davor, Kirchen zu billigen Veranstaltungsorten zu machen. Kritik provoziert nicht nur innerkirchliche Debatten.

Auch Christian Lindner reagiert und wird vom EKD-Magazin „Chrismon“ befragt. Auf die Frage, warum ihm der Segen der Kirche wichtig sei, sagte er: „Da ist noch etwas, das über uns und unser gemeinsames Leben hinaus weist. Mir war es wichtig, über einen Gottesdienst nachzudenken und den Segen zu empfangen.“

Lindners “Porsche-Tor”

Doch sobald sich der Trubel um ihre Hochzeit gelegt hat, bekommt Lindner neue Schlagzeilen, auf die sie verzichten könnte. Die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ berichtet, Porsche-Chef Oliver Blume habe bei einem internen Arbeitstreffen mit seinen guten Beziehungen zu Lindner geprahlt. Dabei setzt Lindner auf sogenannte E-Fuels, also Autos mit klassischem Verbrennungsmotor, die klimaneutral sind und als mögliche Alternative zu reinen Elektroautos gelten.

Das Wort „Porsche Gate“ macht bereits die Runde. Der bekennende Porsche-Fahrer Lindner weist jedoch Vorwürfe, er sei zum Lobbyisten des Stuttgarter Konzerns geworden, vehement zurück. Bei den Koalitionsverhandlungen hatte er gerade einmal mit Blume telefoniert. Und er merkt an, dass seine Position zu E-Fuels schon länger bekannt sei: Auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft setze der FDP-Präsident auf Technologieoffenheit und damit auf Wettbewerb zwischen verschiedenen Systemen.

Vielmehr, so scheint es, hat Porsche-Chef Blume etwas Volles gesagt. Kurz nachdem er von den Vorwürfen erfahren hatte, entschuldigte er sich und merkte an, dass er bei einer internen Handlung die falschen Worte gewählt habe: “Das hat den falschen Eindruck erweckt. Es tut mir leid.” Kein guter Start für den sonst hochgelobten Manager, der bald VW führen wird.

„Partei der Wirtschaft“

Doch einmal mehr wird deutlich: Lindner ist ein leichtes Ziel, seine Partei wird als „Geschäftsseite“ argwöhnisch betrachtet. Viele im politischen Berlin erinnern sich noch an seinen Einsatz für eine Senkung der Mehrwertsteuer in der Hotellerie während der Zeit der gelb-schwarzen Koalition – von der „Mövenpick-Steuer“ war die Rede, nachdem die gleichnamige Hotelkette im Wahlkampf an die FDP gespendet hatte. Kampagne

All das zeigt, wie schmal der Grat Lindners mit seiner Partei geht: Einerseits muss die FDP vermeiden, dass die Wirtschaftslobby mit ihr in Verbindung gebracht wird. Andererseits kann sie sich innerhalb der Ampelkoalition nur dann profilieren, wenn sie sich als “Partei der Marktwirtschaft” positioniert – wie dies in jüngerer Zeit immer häufiger zu beobachten ist.

Lindner kündigte gemeinsam mit seinem Partei- und Kabinettskollegen Marco Buschmann eine Stärkung der gemeinsamen Kultur an. Insbesondere Start-ups sollen durch eine bessere Mitarbeiterbeteiligung in ihren Unternehmen gefördert werden.

In der Debatte um die Reform von Hartz IV hin zu einer Bürgerleistung tritt Lindner für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Hartz-IV-Empfänger ein; Vorrangiges Ziel der Reform müsse es aber sein, den Einstieg ins Erwerbsleben für Sozialhilfeempfänger attraktiver zu machen: Es gehe um “Aktivierung und nicht um ein bedingungsloses Grundeinkommen”, wie Lindner sagt. Und wenn der Minister und Vorsitzende der FDP für Entlastungen plädiert, dann nicht nur für einkommensschwache Haushalte, sondern auch für den „arbeitenden Mittelstand“.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *