Gazprom drosselt weiterhin die Gasversorgung durch die Ostseepipeline

15.06.2022 18:59 (15.06.2022 19:00)

Noch weniger Gas wird ab Donnerstag durch North Stream 1 fließen © APA / dpa

Der russische Energiekonzern Gazprom reduziert die Gasliefermengen über die Nord Stream 1-Pipeline von der Ostsee nach Deutschland erneut. Ab Donnerstagmorgen würden täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter durch die Pipeline gepumpt, teilte Gazprom am Mittwochnachmittag mit. Auch diesen Schritt begründete der russische Staatskonzern mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Daher musste eine weitere Gaskompressionsanlage geschlossen werden.

Gazprom hatte bereits am Dienstag angekündigt, die bisher prognostizierte Tagesmenge um 40 Prozent von 167 Millionen auf 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag zu reduzieren, und auf Verzögerungen bei der Reparatur von Gaskompressoren hingewiesen. Der Großhandelspreis für Gas ist am Mittwoch deutlich gestiegen.

Der Energietechnikkonzern Siemens Energy teilte damals mit, dass eine in Kanada überholte Gasturbine wegen russischer Sanktionen zum jetzigen Zeitpunkt nicht aus Montreal zurückgebracht werden könne. Die jüngste Reduzierung auf 67 Millionen Kubikmeter bedeutet eine Strangulation von etwa 60 Prozent in zwei Tagen.

Nach Angaben von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will Russland mit Lieferkürzungen Unruhe stiften. „Die Begründung von russischer Seite ist nur vorgetäuscht. Es ist offensichtlich die Strategie, Unsicherheit zu schaffen und die Preise in die Höhe zu treiben“, sagte der Grünen-Politiker in Berlin.

„Derzeit sind die Mengen am Markt zu erwerben, wenn auch zu hohen Preisen. Derzeit wird noch gelagert“, sagte Habeck. „Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet“. Die Situation wird jedoch genau beobachtet und es gibt eine enge Kommunikation über Krisenstrukturen. „Die aktuelle Situation zeigt aber auch, dass Energiesparen angesagt ist. Und natürlich werden wir bei Bedarf auch staatliche Maßnahmen ergreifen.“ Gasspeicher in Deutschland waren zuletzt zu etwa 56 Prozent gefüllt.

Für Deutschland ist Nord Stream 1 die wichtigste russische Gasversorgungsleitung. Die durch Polen verlaufende Strecke Jamal-Europa war zuvor nicht verfüllt worden. Der russische Gastransit durch die Ukraine wird ebenfalls reduziert. Die Energiepreise sind unter anderem aufgrund früherer Restriktionen gestiegen, weil generell weniger Gas aus Russland nach Europa fließt.

Eine zweite Gasturbine, die ebenfalls 2022 planmäßig gewartet werden soll, befinde sich noch in Russland, sagte eine Siemens-Energy-Sprecherin am Mittwoch. Wann genau die Wartung dieser Turbine geplant ist, machte das Unternehmen nicht.

In Abstimmung mit der EU-Kommission sei festgestellt worden, dass die Wartung dieser Anlagen nicht sanktionslos sei, sagte Habeck am Mittwoch, noch vor der erneuten Ankündigung einer erneuten Kürzung. Dies bestätigte er Siemens Energy persönlich. Die Einrichtungen werden in ganz Kanada gewartet.

Man spricht mit Kanadiern darüber, inwieweit kanadische Sanktionen dies ermöglichen. Die erste Wartungsstrecke, wo dies relevant gewesen wäre, werde unseres Wissens nach erst im Herbst verkauft, und dann auch nicht in der 40-Prozent-Dimension, sagte Habeck. Deshalb habe er den Eindruck, dass es sich um eine politische Entscheidung handele und nicht um eine technische.

Den nächsten Schritt machte Habeck mit der vorherigen Einstellung der Gaslieferungen nach Bulgarien, Polen und Dänemark sowie der Sanktion von Gazprom Germania. Der Grünen-Politiker sprach von einem langsamen oder schrittweisen Vorgehen. Der Geschäftsführer des Industrieverbandes Zukunft Gas, Timm Kehler, erklärte, das Gas sei zum „Spielball der Politik“ geworden.

Nach der Ankündigung einer weiteren Kürzung ist der Großhandelspreis für Gas am Mittwoch stark gestiegen. Auf der niederländischen Handelsplattform TTF kostete das im Juli zu liefernde Erdgas am Mittwochnachmittag (17.45 Uhr) 113,8 Euro pro Megawattstunde nach 97 Euro am Vortag, ein Plus von gut 17 Prozent. Am Montag lag der Kurs bei 83,4 Euro, am Mittwoch vor einer Woche bei 79,4 Euro.

Der Preis schwankt stark. Am 7. März waren es 206,9 Euro. Vor einem Jahr, am 15. Juni 2021, kostete eine Megawattstunde Erdgas im Juli 18,9 Euro. Aus Branchenkreisen heißt es, Russland profitiere nicht direkt von steigenden Gaspreisen, da es nur noch langfristige Verträge anbiete.

Seit einigen Tagen ist eine erneute Begrenzung der Liefermengen über die Ostseepipeline auf null angekündigt. Als Grund gab die Betreibergesellschaft Wartungsarbeiten an. Sie fanden auch in den Vorjahren in diesem Zeitraum statt. Beide Linien der Doppelkette werden daher vom 11. bis 21. Juli um 6.00 Uhr unterbrochen.

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