1/8
Der Holocaust-Überlebende Claude Hirsch (91) reiste von Paris nach Basel, um der Verlegung des Stolpersteins für seine Mutter Edmée Hirsch-Ditisheim beizuwohnen.
Benno Tuchschmidt
Claude Hirsch (91) hält eine weiße Rose in der Hand. Es steht vor einem Mehrfamilienhaus am Spalenring 140 in Basel, seinem zweiten Wohnort. Seine Großmutter lebte hier, seine Mutter wuchs hier auf und er kam oft hierher.
Claude Hirsch stellt die weiße Rose neben einen in den Boden eingelassenen Kopfsteinpflasterstein, der mit Messing bedeckt ist. Es ist eingraviert: „Hier lebte Edmée Hirsch-Ditisheim. Durch Heirat entbürgert. Verhaftet 1944. Ermordet im August 1944 Auschwitz».
Nur Claude Hirsch überlebte
Edmée war die Mutter von Claude Hirsch, einem gebürtigen Schweizer, der aufgrund seiner Heirat mit dem Franzosen Armand Hirsch seine Staatsbürgerschaft verlor. Auch sein Vater Armand starb in Auschwitz. Claude überlebte ein Jahr im KZ – weil seine Mutter die damals 13 Jahre als 14 überlebte – und musste Zwangsarbeit leisten.
Das Haus am Spalenring 140 hätte Familie Hirsch retten können. Doch die Basler Behörden schikanierten die Hirschs, wie die Analyse der Basler Historikerin Sophie Küsterling zum Fall Hirsch zeigt:
Als Edmées Vater 1941 starb, durfte sie nur noch ohne Ehemann und Sohn ins Land einreisen und musste sich bereit erklären, das Land sofort zu verlassen.
1942 wollte Edmée mit ihrem Sohn Claude ihre Großmutter noch einmal besuchen. Die Einwanderungspolizei zögert, weil “die Inhaftierungsabsicht offensichtlich ist”. Schließlich erlauben die Behörden Edmée und Claude, einen Monat zu bleiben, danach müssen sie nach Frankreich zurückkehren, wo die nationalsozialistische Judenverfolgung in vollem Gange ist.
Es ist das letzte Mal, dass Edmée seine Heimat besucht. Laut Claude Hirsch wird sich ihre Mutter für den Rest ihres Lebens Vorwürfe machen, weil sie ihre Tochter und ihren Enkel nicht zum Bleiben überredet hat.
Als die Familie Hirsch 1944 merkte, dass ihre Verhaftung in Frankreich bevorstand, beantragte sie mit Hilfe eines Basler Anwalts erneut die Einreise. Als die Schweizer Behörden die Einreise endlich genehmigen, ist es zu spät. Claude und Edmée werden in Noirétable, etwa 100 Kilometer westlich von Lyon, festgenommen. Als Pater Armand davon erfuhr, ergab er sich freiwillig. Nur Claude überlebte das Konzentrationslager.
Kein Groll oder Hass
„Ich bin dankbar für die 13 wunderbaren Jahre, die ich mit meiner Mutter und meinem Vater verbringen durfte“, sagt Claude Hirsch. Das sei typisch für ihn, sagen seine beiden Söhne, die ihn von Paris nach Basel begleiteten. Trotz seines Schicksals hegt er keinen Groll oder gar Hass.
Der Edmée-Hirsch-Felsen ist einer der neun Felsen in Basel, die an die Opfer des Nationalsozialismus in der Schweiz erinnern. Fünf von ihnen wurden gestern verlegt. Auch in Zürich und im Kanton Thurgau gibt es Hindernisse. Seit 2020 Jahren versucht der Verein Stolpersteine Schweiz, der Opfer des Nationalsozialismus in der Schweiz zu gedenken. Das Schicksal der Schweizer Nazi-Opfer ist erst seit kurzem einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Mindestens 742 in der Schweiz geborene oder schweizerische Personen wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert.
In vielen Fällen verhielten sich die Schweizer Behörden gegenüber der Familie Hirsch ähnlich wie die Fremdenpolizei in Basel.