Inflationsanalyse: Jetzt kommt der Glaubwürdigkeitstest für die Nationalbank

– Jetzt kommt der Glaubwürdigkeitstest für die Nationalbank

Alles wird teurer: Die jährliche Inflation in der Schweiz dürfte auf 3,5 Prozent steigen. Zentralbanken müssen handeln.

Gepostet: 02-06-2022, 21:18

Eine Geisel der Europäischen Zentralbank? Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank.

Foto: Stefan Wermuth (Getty Images)

In den letzten 12 Monaten ist der Warenkorb für ein Schweizer Durchschnittseigentum laut Bundesamt für Statistik um 2,9 Prozent gestiegen. Die Inflation liegt damit deutlich über dem Zielband von 0 bis 2 Prozent, das die Schweizerische Nationalbank (SNB) als Preisstabilität definiert.

Die Parallelen zur Entwicklung in der Eurozone sind beunruhigend. Dort hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Inflation stark unterschätzt. Im Mai stieg die jährliche Inflationsrate auf 8,1 Prozent. Bei dieser Rate hat sich der Wert der Ersparnisse in nur neun Jahren halbiert.

Trotzdem kauft die EZB weiterhin in großem Umfang Anleihen und hält die Zinsen im negativen Bereich. Mehr als 8 Prozent negative Inflation und Zinsen – diese Kombination hätte man vor nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten.

“Die Zentralbanken haben lange gewartet, vielleicht zu lange.”

Die Inflation in der Schweiz ist dagegen mild. Doch der Schweizer Franken kann die steigenden Importpreise nicht mehr ausreichend dämpfen, Energie- und Rohstoffpreise machen sich bei Industriegütern bemerkbar. Alle Transportmittel werden teurer, ebenso wie Lebensmittel. Im August werden die Strompreise neu festgelegt und auch die Mieten steigen.

Laut Ökonomen des Zürcher Vermögensverwalters Bantleon, die seit langem darauf hinweisen, dass die Inflationsdynamik in Europa unterschätzt wird, wird die Jahresinflation im September voraussichtlich rund 3,5 Prozent erreichen.

Die EZB wird nächste Woche eine erste Zinserhöhung ankündigen. Eine Woche später ist die Nationalbank an der Reihe. Die Zentralbanken haben lange gewartet, vielleicht zu lange. Ihre Glaubwürdigkeit ist jetzt unter Kontrolle.

Die Schweizerische Nationalbank kann nicht vor der EZB agieren, sonst wird der Franken in die Höhe schnellen. Präsident Thomas Jordan erklärte kürzlich, dass die SNB nicht von anderen Zentralbanken als Geisel genommen werde. Aber je länger es erscheint, desto mehr erscheint es.

Armin Müller ist Autor der Tamedia-Redaktion. Von 2018 bis Januar 2022 war er Mitglied der Redaktion von Tamedia. Davor war er unter anderem für die „SonntagsZeitung“, die „Handelszeitung“ und „CASH“ tätig.

Weitere Informationen @ Armin_MullerGepostet: 02.06.2022, 21:18

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