Kalte Progression: Raus aus der heimlichen Inflationssteuer

Die Regierung stellt ihr nächstes Anti-Inflationspaket vor. Neben Sofortmaßnahmen in Höhe von sechs Milliarden Euro müssen die Sozialleistungen dauerhaft erhöht und die Kaltprogression abgeschafft werden. Kostenpunkt bis 2026: 22 Milliarden Euro.

Wien. War dies das letzte Mal, dass eine Regierung das „größte Hilfspaket aller Zeiten“ veranstalten durfte? Zumindest wird es mit der Abschaffung der kalten Progression für künftige Regierungen schwieriger, sich für größere Steuersenkungen einzusetzen, die de facto die Rückzahlung einer staatlichen Steuerschuld an die Bürgerinnen und Bürger sind. Denn kalte Progression ist nichts anderes. Eine geheime Inflationssteuer, die das Finanzministerium niemals hätte erheben dürfen. Ab dem 1. Januar 2023 wird es effektiv weniger Lohn- und Einkommenssteuern erheben. Dann werden zwei Drittel der Tarifniveaus an die Inflation angepasst. Ein Drittel wird ebenfalls zurückgezahlt, wobei das Parlament entscheidet, wohin diese Mittel fließen.

Die Abschaffung dieser Inflationssteuer wird von den meisten Ökonomen begrüßt. Monika Köppl-Turyna von Eco Austria sagte gegenüber der Presse: „Das ist ein wichtiger erster Schritt, um den Faktor Arbeit zu entlasten.“ Wichtig sei, dass diese Tarifanpassung „an einen Automatismus gekoppelt“ sei, damit künftige Regierungen nicht anpassen. das Relief je nach Geschmack kann unterschiedlich interpretiert werden.

Aber es wäre nicht Österreich, wenn die Kaltprogression einfach und unbürokratisch abgeschafft würde. Die genaue Berechnung wird von den beiden großen Instituten, dem Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) und dem Institut für Höhere Studien (IHS), methodisch ermittelt und dann jährlich begleitet, so das Finanzministerium. Die genaue Berechnungsmethode wird im Herbst klar.

Die Höhe der Sondersteuer bleibt gleich

Berechnungszeitraum ist Juli 2021 bis Juni 2022. Zur Erinnerung: Im Juli vergangenen Jahres lag die Inflation noch bei 2,9 Prozent, im Mai schon bei acht Prozent. Im Schnitt wird es eine durchschnittliche Inflation von knapp fünf Prozent geben, zwei Drittel davon erreichen die neuen Tarifstufen ab dem 1. Januar 2023. Bis dahin liegt die niedrigste Stufe nicht mehr wie bisher bei 11.000 Euro pro Jahr, sondern knapp 11.370 Euro. Von diesen Einkünften werden zukünftig Löhne und Einkommensteuer abgeführt. Am Sondersteuersatz von 55 Prozent für Einkünfte über einer Million Euro im Jahr ändert sich nichts.

Einer der stärksten Befürworter der Abschaffung der kalten Progression war in den letzten Jahren die liberale Denkfabrik Agenda Austria. Ihr Vorsitzender Franz Schellhorn ist dankbar für den Schritt der Regierung, hätte aber auch gerne „den letzten Meter“ gehabt. Das heißt, die vollständige Abschaffung dieser Inflationssteuer. Österreich ist bereits Umverteilungsweltmeister. Man muss auch an die großen Einnahmen denken, die als Säulen ihres Geschäfts gelten und die zuvor für Millionäre vorgesehene Steuersätze zahlen. Es gibt andere Formen der Unterstützung für sozial Benachteiligte.

Unterm Strich ist Schellhorn froh, dass die kalte Progression angegangen wurde. “Was bleibt, ist ein Verfassungsrang wie Deutschland”, sagte er. Andernfalls könnte die nächste Regierung diesen Meilenstein neu skizzieren.

Nächster Schritt: eine Schuldenbremse

Apropos Verfassungsrang: Auch in Deutschland hat die Schuldenbremse Verfassungsrang. Das möchte Schellhorn auch in Österreich sehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass künftige Entlastungen auf der Ausgabenseite finanziert werden. Auch die Chefin von Eco-Austria, Köppl-Turyna, sieht einen positiven Effekt, da nun weniger Spielraum bei der Geldverteilung besteht und mehr Disziplin bei den Staatsausgaben erforderlich sein wird.

Auch Köppl-Turyna meint, dass die Lohnnebenkosten gesenkt werden müssen, aber um 0,3 Prozentpunkte homöopathischer. „Das wird uns nicht zu einem international attraktiven Land für Arbeitnehmer machen“, sagt Köppl-Turyna.

BDO-Steuerexperte Peter Bartos nennt die Abschaffung der kalten Progression „einen sehr mutigen politischen Schritt“. Dies ist zweifellos das „Herzstück“ des Maßnahmenpakets. Regierungen würden damit einen „Showeffekt“ verlieren. Bartos hält auch den steuer- und steuerfreien Bonus von 3.000 Euro pro Jahr für Mitarbeiter für wichtig. Damit gab die Regierung den Sozialpartnern ein Instrument an die Hand, um überzogene Lohnabschlüsse zu verhindern. Ein Teil des Inflationsausgleichs könnte in Form dieser Prämie erfolgen.

“Scheckbuchrepublik”

Prämie, Bonus, Scheck – es gibt mittlerweile so viele Einmalzahlungen, dass selbst Steuerexperten den Überblick verlieren. Agenda Austria-Chef Schellhorn spricht bereits von einer „Scheckbuchrepublik“. Viele dieser Maßnahmen zielen nicht auf die Inflation ab oder bekämpfen sie. Im Gegenteil, diese Stimuli heizten in der Regel die Inflation an.

Schellhorn warnt, dass einer der Hauptpreistreiber der Zukunft der Arbeitskräftemangel sein wird. Dem entgegenzuwirken, etwa Menschen länger im Arbeitsprozess zu halten, würde letztlich auch die Kaufkraft stärken.

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