Als Koproduktion mit den SWR Festspielen Schwetzingen präsentieren die Bregenzer Festspiele die Kammeroper „Captain Nemos Library“ von Johannes Kalitzke. Das knapp zweistündige Auftragswerk wurde Ende April unter der Leitung des Komponisten mit großem Erfolg in Schwetzingen uraufgeführt. Christoph Werners beeindruckende Inszenierung basiert auf dem raffinierten Zusammenspiel des Gesangsensembles mit den realistisch wirkenden Puppen von Louise Nowitzki. Als Hintergrund produzierte Conny Klar ein kontrastreiches Video im farbenfrohen Comic-Stil. Die Premiere der Österreichpremiere auf der von Angela Baumgart fantastisch gestalteten Werkstattbühne wurde vom Publikum begeistert gefeiert.
Die Aufführung in Bregenz basiert auf einem Roman
Julia Hochstenbachs Libretto zu „Captain Nemos Library“ basiert auf dem gleichnamigen Roman des vor zwei Jahren verstorbenen schwedischen Schriftstellers Per Olaf Enquist. Zwei Jungen aus einer Kleinstadt wurden kurz nach ihrer Geburt versehentlich von der Hebamme verwechselt und wuchsen bis zum Alter von sechs Jahren in den „falschen“ Familien auf. Wenn der Fehler bemerkt wird, ordnet ein Gericht die Rückgabeänderung an. Zutiefst verunsicherte Kinder und ihre Eltern werden mit den psychischen Folgen allein gelassen.
Die Geschichte wird aus der Sicht der beiden älteren Jungen erzählt, die mit dem Vorfall unterschiedlich umgegangen sind. Während Johannes zunächst von der Veränderung zu profitieren schien, erlebte der namenlose Ich-Erzähler sie als Katastrophe. Beide wirken jedoch wie Doppelgänger, die auf ihrer Spurensuche unterschiedliche Erinnerungen konstruktiv auswerten wollen.
In Christoph Werners Inszenierung wird ihre Auseinandersetzung mit dem eigenen Sohn mit virtuosen Puppen (Ines Frank, Franziska Rattay, Lars Frank, Nico Parisius) eindrucksvoll illustriert. Zu Beginn laufen zwei Teenager vor der Bühne durch das Publikum. Dort sehen sie ihre streng pietistischen Herkunftsfamilien mit dem freudlosen Pfarrer beten und sich selbst als Marionetten. Was zunächst wie eine kritisch überhöhte Darstellung wirkt, entpuppt sich später als subjektive Erinnerung an harte Realitäten. Die teilweise brutalen Erziehungsmethoden der Eltern werden nicht als böse angeprangert, sondern empathisch als Folge dieser Realitäten beschrieben.
Eine Reise in die Tiefen einer verstörenden Kindheit
Der Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ des jungen Jules Verne dient als tröstlicher Zufluchtsort vor der Welt der Erwachsenen. In der Fantasie verwenden sie die gleichnamige Bibliothek des Nautilus, um ihre Erfahrungen zu “kartieren” und zu organisieren. Auf der Bühne von Angela Baumgart geschieht dies in einer komplett verglasten Taucherkugel, hinter der Conny Klars Video Unterwasserpflanzen wachsen lässt. Leider hat Julia Höchstenbach zu viele Textschichten in ihr Heft gepackt. Enquists dichtes Bezugsnetz wandert in der Oper weiter. Das Publikum findet es schwierig, dem Dating-Rätsel zu folgen. Nach der Rivalität, dem Neid und den Kämpfen zwischen den beiden Freunden ist immer noch unklar, warum sie sich gemeinsam ihrer Vergangenheit stellen.
Kalitzke hat eine klanglich reich differenzierte Partitur für ein kleines Vokal- und Instrumentalensemble geschaffen. Iurii Iushkevich („I“), Johanna Zimmer (Johannes), Noa Frenkel in der Doppelrolle der Mütter Josefina und Alfild und Reuben Willcox als Vater Sven und Pastor machen sowohl stimmlich als auch darstellerisch einen tollen Job. Das gilt auch für die bewegende Performance von Rinnat Moriah, die als schwangere Teenagerin Eva-Lisa am Tod ihres Babys stirbt.
Das zehnköpfige Frankfurter Ensemble Modern unter der souveränen Leitung von Kalitzke liefert einen eindringlichen Soundtrack für diese Reise in die Tiefen einer eindringlichen Kindheit.