„Allein in unserer onkologischen Abteilung sind vier von fünf Krankenhauspatienten mangelernährt. Das heißt, 80 Prozent unserer Patienten kämpfen mit Gewichtsverlust und dessen Folgen. Bei Operationen sind es immer noch 50 bis 60 Prozent“, sagt Patrick Clemens , leitender Oberarzt der Abteilung Strahlentherapie und Radioonkologie des LKH Feldkirch. Die diplomierte Fachärztin und Ernährungsberaterin leitet das interdisziplinäre Team Ernährung im Hauptkrankenhaus Feldkirch.
Krankheiten erhöhen das Risiko einer Mangelernährung
Unterernährung bedeutet zu wenig Kalorien oder zu wenig Muskelmasse. Bei onkologischen Erkrankungen kommt es häufig zu einer hochgradigen Appetitlosigkeit, hauptsächlich als Folge einer Stoffwechselveränderung. Bestehende Krankheiten, insbesondere Krebs, erhöhen das Risiko, an Mangelernährung zu erkranken. „Bei Krebspatienten kann schon ein kleiner Tumor den Stoffwechsel des ganzen Körpers beeinträchtigen“, sagt der Spezialist.
Grundsätzlich kann jede Krankheit, die dazu führt, dass über einen längeren Zeitraum sehr wenig Nahrung aufgenommen wird, zu Mangelernährung führen. Manchmal können sich kranke und pflegebedürftige Menschen nicht richtig ernähren und brauchen deshalb Unterstützung. Ein oft unterschätztes Problem bei älteren Menschen ist eine Schluckstörung, so Clemens.
Landeskrankenhäuser Vorarlberg Patrick Clemens, Leitender Oberarzt der Abteilung Strahlentherapie und Radioonkologie im LKH Feldkirch
Auch Menschen mit hohem Fettgehalt sind unterernährt
Besonders bei älteren Patienten führt eine reduzierte Nahrungsaufnahme in Kombination mit Bewegungsmangel zu einer Abnahme der Muskelkraft. Um zu funktionieren, braucht der Körper genügend Energie und eiweißreiche Nahrung. Bei Mangelernährung holt sich der Körper das Eiweiß aus eigenen Quellen und Reserven, was ebenfalls zu einem stärkeren Muskelabbau führt.
Diese Muskelatrophie kann auch diejenigen treffen, die aufgrund ihres hohen Fettgehalts viele Pfund wiegen und äußerlich nicht unterernährt aussehen. Aufgrund der fehlenden Muskelmasse gelten sie immer noch als unterernährt: „Gerade wenn jemand sehr schwer ist, bleibt die Diagnose oft unbemerkt“, gibt Clemens zu bedenken. „Patienten mit einem BMI von 35 können sehr gut unterernährt sein. Man sieht es nur nicht auf den ersten Blick. Da müssen wir genauer hinsehen.“
Folgen: Mehr Komplikationen bei Operationen
Folgen einer nicht diagnostizierten Mangelernährung sind eine schlechtere Wundheilung, eine erhöhte Infektanfälligkeit, mehr Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen und eine ungünstige Langzeitprognose. Immer längere Krankenhausaufenthalte wiederum führen zu höheren Kosten für das Gesundheitssystem. Europaweit kosten die Folgen von Mangelernährung das Gesundheitssystem jährlich mehr als 170 Milliarden Euro.
Die richtige Ernährung kann Ihre Lebensqualität verbessern
Kürzlich veröffentlichte Studien untermauern nun erstmals mit Zahlen die Wichtigkeit dieser Diagnose, oft ergänzend: „Eine Studie in der Schweiz mit mehr als 2.000 Patienten zeigte, dass mit einer gezielten Ernährungstherapie die Zahl der Krankenhauspatienten um drei Prozent zunahm Auch die Behandlungsergebnisse haben sich durch die individualisierte Ernährung verbessert und es traten weniger Komplikationen bei den Vergleichseingriffen auf.
Die richtige Ernährung kann nicht nur Leben retten, sondern vor allem Lebensqualität schaffen. Daher ist auch gesunden Senioren nach größeren Operationen eine Ernährungstherapie anzuraten. Dies hilft, verlorene Muskelmasse wieder aufzubauen.
Einmal im Jahr „Tag der Ernährung“.
Daher ist die Zahl unterernährter Menschen in Gesundheitszentren besonders deutlich. Einmal im Jahr werden diese Daten weltweit akkurat erhoben: Am „Tag der Ernährung“ wird der Ernährungszustand von Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen in eine internationale Datenbank Österreichs aufgenommen.
Auch das LKH Feldkirch engagiert sich seit Jahren in dieser Initiative zur gezielten Bekämpfung von Mangelernährung. Ziel ist es, das Wissen und Bewusstsein darüber in Gesundheitseinrichtungen zu erhöhen und die Qualität der Ernährungsversorgung insgesamt zu verbessern.