Schieben Sie Steinmeier den Wind zum Sozialdienst

Stand: 13.06.2022 17:14

Die Bundesregierung kritisiert eine mögliche Sozialdienstpflicht. Besser auf Freiwilligkeit setzen, so die Ampeln. Auch gesellschaftliche Organisationen lehnen den Vorschlag von Bundespräsident Steinmeier ab.

Der Vorschlag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Sozialzeitpflicht für Jugendliche stößt bei der Bundesregierung auf Zurückhaltung. Der stellvertretende Regierungssprecher Wolfgang Büchner verwies dagegen auf bestehende Freiwilligendienste. Etwa 100.000 junge Menschen seien dabei, sagte er und verwies auf Angebote wie das Bundesfreiwilligendienst oder das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Die Bundesregierung habe beschlossen, das bürgerschaftliche Engagement weiter zu stärken, sagte er. Der Koalitionsvertrag sieht vor, bestehende Freiwilligendienste bei Bedarf aufzustocken und Rahmenbedingungen zu verbessern.

“Eine theoretische Diskussion”

Auch das Verteidigungsministerium und die Bundeswehr zeigten sich zuversichtlich im Ehrenamt. Von den rund 184.000 Soldatinnen und Soldaten leisten derzeit 9.200 freiwillig Wehrdienst. Die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) sprach sich gegen die vorgeschlagene Zwangszeit aus. „Angesichts des Krieges in der Ukraine ist das eine theoretische Diskussion, denn jetzt hilft auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder die Einführung der Wehrpflicht nicht“, sagte Högl. Es gehe vor allem darum, die Bundeswehr allgemein für gut qualifizierte Menschen attraktiv zu machen, die sich für den Truppendienst entscheiden, fügte er hinzu.

Grüne und FDP-Kritiker

Kultusministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) hatte bereits am Sonntag getwittert: „Bei uns wird es keine Wehrpflicht geben.“ Am Montag wiederholte er unter Berufung auf Kennedys Zitat: „Das kann nur aus freier Entscheidung kommen. Wir haben kein Recht, über die Lebensläufe junger Menschen zu entscheiden.“

Auch von den Grünen gab es eine Absage: „Wir müssen ein Soziales Jahr, ein Jahr des Ehrenamts, so attraktiv machen, dass es für alle Sinn macht“, sagte Parteichefin Ricarda Lang. So könnte beispielsweise die Nutzung der Rente oder Auszahlung attraktiver gestaltet werden.

Soziale Organisationen sind rückläufig

Auch soziale Organisationen machten deutlich, dass sie nicht an Zwangsoperationen glauben. Dann müssten wir auch “Menschen rekrutieren, die nichts wollen und vielleicht auch unzulänglich sind. Das wollen wir nicht”, sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Gemeinsamen Gesamtverbandes, dem SWR. In einem Pflegeheim beispielsweise ist dies den Bewohnern und Angehörigen nicht zuzumuten.

Der Präsident der Evangelischen Diakonie, Ulrich Lilie, reagierte skeptisch auf den Vorschlag des Bundespräsidenten. „Ehrenamt und persönliche Überzeugung müssen weiterhin entscheidend sein. Besser als Pflicht- und Eildienst wären mehr Anreize und Rahmenbedingungen, damit eine freiwillige Entscheidung für soziales Engagement noch mehr möglich wird“, sagte Lilie. Auch eine Jugendpflichtzeit käme zur falschen Zeit. Sie gehörten laut Lilie zu den Hauptopfern der Pandemie und hatten bereits große Solidarität gezeigt.

“Zeit für die Gemeinschaft”

Steinmeier hatte eine Debatte über eine sogenannte soziale Verpflichtung angestoßen, die in der Bundeswehr oder in sozialen Einrichtungen geleistet werden könne. Es gibt ein wachsendes Verständnis dafür, dass Menschen sich über einen längeren Zeitraum der Gemeinschaft verpflichtet fühlen. „Gerade jetzt, in einer Zeit, in der das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen schwindet, kann eine gesellschaftliche Verpflichtung besonders wertvoll sein“, sagte der Bild-Präsident der Bundeszeitung.

Vorteile: Pflichtdienst für junge Leute

Alfred Schmit, ARD Berlin, 13. Juni 2022 um 18:28 Uhr

Nachteile: Pflichtdienst für Jugendliche

Christophfer Jähnert, ARD Berlin, 13. Juni 2022 um 18:26 Uhr

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