Wermelskirchen: Babysitting Kindesmissbrauch: „Neue Dimension der Brutalität“

Missbrauchskomplex Wermelskirchen Babysitter missbraucht Kinder: “Neue Dimension der Brutalität” – Reul: “Wir kriegen euch!”

NRW-Innenminister Herber Reul droht Tätern nach neuem Fall Wermelskirchen: „Wir kriegen euch!“

© Federico Gambarini / DPA

31.05.2022, 07:55 3 Minuten Lesezeit

Erfahrene Kinderpornografieforscher, die glaubten, alles Schreckliche gesehen zu haben, waren falsch. Der neue Missbrauchskomplex “Wermelskirchen” hat nach Kölner Ermittlern eine neue Dimension der Grausamkeit erreicht.

Der neue Missbrauchskomplex Wermelskirchen hat nach Ansicht der Ermittler eine Brutalitätsdimension, die andere Komplexe übertrifft. Hauptverdächtiger ist ein 44-jähriger Mann aus Wermelskirchen, Nordrhein-Westfalen.

Die kinderlose und verheiratete Angestellte habe ihre Dienste als Babysitterin im Internet angeboten und sei so näher an ihre Opfer herangekommen, teilten Ermittler am Montag in Köln mit. Außerdem tauschte er mit Dutzenden anderen Männern Kinderpornografie und Videos von „unvorstellbarer Brutalität“ aus.

„Ich bin erschüttert und erstaunt. Noch nie habe ich ein Maß an menschenverachtender Brutalität und grausamer Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien erlebt“, sagte der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel.

Wermelskirchen: mindestens 73 Tatverdächtige und 33 Opfer

Bisher seien 73 Verdächtige und 33 Opfer identifiziert worden, teilten die Ermittler mit. Der Jüngste war einen Monat alt. Unter den Opfern sind fünf Babys und Kinder mit Behinderungen. Es wurden große Datenmengen geschützt, ein Volumen von 32 Terabyte mit 3,5 Millionen Bildern und 1,5 Millionen Videos.

Die dabei auftretenden Gewaltphantasien überraschten selbst erfahrene Forscher auf dem Gebiet. Dabei seien „die brutalsten Vergewaltigungen von Säuglingen und Kleinkindern“ festgestellt worden. Es gibt Hinweise darauf, dass in einigen Fällen Kinder dafür unter Drogen gesetzt wurden. Die Zahl der Opfer von Misshandlungen könnte weiter steigen. Bisher wurden nur zehn Prozent des Datenvolumens ausgewertet.

„Ersparen Sie mir bitte Schilderungen dessen, was ich gesehen habe“, sagte Oberstaatsanwalt Joachim Roth sichtlich bestürzt. “Was ich gesehen habe, hat mich bis ins Mark erschüttert.”

Einige Opfer waren sich des Missbrauchs nicht bewusst

Die Eltern der Kinder hätten es jedoch nie vermutet, sagten die Forscher. Einige Opfer waren auch völlig überrascht von Polizeiberichten, dass sie vor Jahren als kleine Kinder Opfer schwerster Misshandlungen geworden waren. Sie haben dir Hilfe angeboten.

Das nicht vorbestrafte Kindermädchen soll im Großraum Köln zwölf Kinder missbraucht haben: zehn Jungen und zwei Mädchen. Die Verbrechen gehen auf das Jahr 2005 zurück.

Um an die unverschlüsselten Daten des 44-Jährigen zu gelangen, überwältigten ihn Spezialeinheiten im vergangenen Dezember bei eingeschaltetem Computer während einer Videokonferenz mit Kollegen.

Kollegen ihrerseits riefen die Notrufnummer 110 an, weil sie glaubten, Zeuge eines Raubüberfalls zu werden. 17 Tage dauerte es dann, bis alle Daten von 232 Datenträgern auf der Seite gesichert waren.

Eine spezielle „Strukturorganisation“ namens „List“ untersucht nun riesige Datenmengen. Der Name rührt daher, dass der Verdächtige seine Kinderpornografie-Datei in Listen aufgeteilt hat, wohl um nicht den Überblick zu verlieren. Er hat die Verbrechen weitgehend zugegeben.

Herbert Reul: „Wir kriegen dich!“

Der 44-Jährige habe “gesehen, wie einer der Täter der Münsteraner Übergriffe Anweisungen gegeben hat”, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in Düsseldorf. “Dies geschah über einen Online-Video-Chat.” Er führte auch Aufzeichnungen über die Neigungen anderer Pädophiler. Warum er nicht bereits bei Ermittlungen in der Münsteraner Anlage identifiziert wurde, weiß er zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht.

„Ich kann allen Pädophilen nur sagen: Wir kriegen euch! Vielleicht nicht heute, aber eines Tages stehen wir vor eurer Tür. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster und jetzt Wermelskirchen“, sagte Reul. Er fügte hinzu: „Manchmal kann man durch diese Dinge den Glauben an die Menschheit verlieren.“

Reul sagte am Dienstagabend dem „heute journal update“: „Wir brauchen mehr technologische Hilfe und wir brauchen auch einen rechtlichen Rahmen. Manchmal verzweifle ich, wenn ich sehe, wie schwierig es für uns ist, uns mit dem Thema Datenschutz auseinanderzusetzen.“ Es ist einem Forscher nicht möglich zu sagen, dass er eine IP-Adresse hat, dass er den Jungen hat, aber dass er weder seinen Namen noch seinen Wohnort kennt. “Beim Recht auf Datenspeicherung muss sich etwas ändern.”

Kölner Ermittler sagten, es werde derzeit geprüft, ob der 44-Jährige in Untersuchungshaft genommen werden könne. Auch ein psychiatrisches Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Bei den weiteren Tatverdächtigen handelt es sich um Eltern, Nachbarn, Bekannte, Geschwister oder Großeltern der Opfer.

Im Fokus steht NRW mit 26 Verfahren, gefolgt von Thüringen (6), Brandenburg (5), Schleswig-Holstein (5) und Niedersachsen (5). Mit Ausnahme von Bremen und dem Saarland sind auch alle anderen Bundesländer betroffen. Ein Verfahren sei nach Österreich geliefert worden.

Die meisten Verdächtigen sind zwischen 26 und 45 Jahre alt. Der Wermelskirchener wurde im vergangenen November dabei erwischt, wie er gegen einen seiner Chatpartner in Berlin ermittelte. Seine Telefone wurden bis zum Erlass eines Haftbefehls des Amtsgerichts Köln abgehört.

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