Erholungseffekt: Warum wir jetzt möglicherweise anfälliger für Grippe und Keuchhusten sind

3. Juni 2022 um 6:56 Uhr

Erholungseffekt: Warum wir jetzt möglicherweise anfälliger für Grippe und Keuchhusten sind

Eine Frau trägt ein Taschentuch.
Foto: dpa / Patrick Pleul

Berlin Manche Krankheiten sind während der Corona-Pandemie seltener geworden. Aber in letzter Zeit haben manche Menschen den Eindruck, dass sie ungewöhnlich häufig krank werden. Ist die körpereigene Abwehr nach zweijähriger Infektionsprävention außer Kraft?

Nicht mehr: Alle paar Wochen sind die Kinder krank: Erkältung, Magen-Darm usw. Und auch manche Erwachsene berichten von ihrem Eindruck, zu dieser Zeit fast alle Erkältungen mit sich zu tragen. Nach zwei Jahren mit unzähligen Aufrufen zur Infektionsprävention und Reisebeschränkungen, vielen Homeoffice-Auflagen und Masken, Husten und Pusten mag das ungewohnt erscheinen. Besonders zu dieser Jahreszeit. Aber gibt es noch mehr? Hat unser Immunsystem aufgrund mangelnder Aktivität verlernt, sich gegen Krankheitserreger zu wehren?

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Foto: Shutterstock / Anton Road

Viele Krankheiten wie Grippe und Keuchhusten seien in der Pandemie selten geworden, sagt Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg. Anfang 2021 zeigte eine Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) zu mehreren meldepflichtigen Krankheiten, von Tuberkulose bis Hepatitis E, dass zwischen März und Anfang August 2020 etwa ein Drittel der Fälle weniger als nach den Werten des Bundesamtes für Gesundheit (RKI) erwartet Vorjahr – Covid-19 ausgenommen. Atemwegserkrankungen etwa gingen in besonderer Weise zurück, was auch eine Folge von Kronenmaßnahmen wie Masken und Abstand ist.

Doch wie sieht es nun aus, da Tropfen und Sprays und damit viele Krankheitserreger oft ungehindert zwischen Menschen übertragen werden können? Schaut man sich die Daten des RKI-Arbeitskreises Influenza an, der sich neben Influenza und Covid-19 auch mit Erkältungserregern wie Rhinoviren beschäftigt, stellt man ungewöhnliche Entwicklungen fest.

Influenzaviren zum Beispiel haben bei Kindern erst seit Ostern zugenommen, einer Zeit, in der normalerweise die Saison endet. Nach der gescheiterten Grippewelle vor zwei Spielzeiten deuten die Zahlen 2021/22 insgesamt noch auf sehr mäßige Ereignisse hin.

Die Kurve der geschätzten Rate an Atemwegserkrankungen in der Gesamtbevölkerung spiegelt dies teilweise wider: Sie liegt seit Januar deutlich über der stark von der Krone beeinflussten Saison 2021/21, erreichte aber nie die Dimensionen der Drei. Vorpandemiezeiten, in denen sonst die Grippewelle dominierte. Doch nun scheint es im Frühjahr länger zu werden: In den vergangenen Wochen weist das RKI höhere Werte aus als zu diesem Zeitpunkt in den vorangegangenen vier Spielzeiten.

Erkältung, Grippe oder Krone?

Allgemeinmediziner sehen jedoch keine völlig ungewöhnliche Situation. „Wir sehen derzeit keine auffällige Häufung von Atemwegserkrankungen in der Hausarztpraxis“, sagte ein Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes. „Die Situation kann von Region zu Region unterschiedlich sein, daher behandeln Hausärzte dort besonders viele Patienten mit entsprechenden Symptomen.“ Auf nationaler Ebene lässt sich jedoch kein eindeutiger Trend erkennen.

Doch was ist dran an dem so geäußerten Verdacht, Immunsysteme seien durch die Pandemie- oder Corona-Maßnahmen geschwächt worden? „Das Immunsystem ist kein Muskel: Es schrumpft nicht, wenn es nicht oder weniger beansprucht wird“, sagt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Immunologischen Gesellschaft. Das Immunsystem wurde in den letzten zwei Jahren etwas geschont, aber nicht überflüssig. „Allerdings gab es etwas zu tun: Menschen kommen nicht nur über die Atemwege, sondern auch über die Haut oder Nahrung mit Krankheitserregern in Kontakt, sodass das Immunsystem aktiviert wird.“

Der Immunologe hat eine andere Erklärung: Bei manchen Erkältungen muss man es eben alle zwei, drei Jahre machen. „Saisonale Kronenviren sind ein Beispiel dafür. Wer diese zwei Jahre verloren hat, kann sich jetzt mehrere Erkältungen hintereinander holen. Das ist ein Erholungseffekt, ähnlich wie man ihn bei RSV-Infektionen bei Kindern im Herbst beobachten konnte.“ RSV bedeutet synzytial Atemwegsvirus. Es kann schwere Lungenentzündungen verursachen und ist besonders gefährlich für Frühgeborene, Babys und Kleinkinder. Auch in anderen Ländern gab es eine große Welle unter Kindern.

Info Hilft beim Husten
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Experten sehen auch als Folge der Pandemie eine größere Aufmerksamkeit für das Thema und möglicherweise eine Änderung der subjektiven Wahrnehmung als Folge. „Viele von uns haben sich während der Pandemie daran gewöhnt, längere Zeit keine Erkältungen zu haben. Früher war man immer wieder betroffen“, sagt Watzl.

Der derzeit zu beobachtende ungewöhnliche Ausbruch der Pocken könne nicht mit den angeblich durch die Pandemie geschwächten Immunsystemen westlicher Länder erklärt werden, sagt Watzl. „Es ist vielmehr so, dass tierische Krankheitserreger immer häufiger auf den Menschen übergreifen.“ Dies liegt an dem zunehmenden Vordringen von Menschen in bisher unerschlossene Gebiete und den zahlreichen internationalen Reisebewegungen. „Diese Krankheiten werden wir in Zukunft noch öfter sehen. Wenn man an das Auftreten von Mers, Sars und Sars-CoV-2 denkt, sind die Affenpocken ziemlich harmlos“, sagt Watzl.

Aus Sicht der Wissenschaftler ist im kommenden Herbst Vorsicht geboten: Dass wir es mit einem Virus zu tun haben, das wir weniger gut kennen“, sagt Salzberger. Doch das Immunsystem vergisst die alten Begegnungen nicht so schnell.

Influenza-Antikörper gingen während der Pandemie kaum zurück. Allerdings: „Die Impfmüdigkeit in diesem Herbst und Winter wäre fahrlässig“, gibt Salzberger zu bedenken. „Jede Grippeimpfung verbessert unsere Immunantwort auf eine Grippeinfektion, und das ist für Hochrisikopatienten äußerst wichtig.“

(Tage / dpa)

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